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Berliner Zeitung | Kolumne zur Fremdenangst in Dresden: Pegida, eine alte Dresdner Eigenheit
15. December 2014
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Kolumne zur Fremdenangst in Dresden: Pegida, eine alte Dresdner Eigenheit

Tausende Teilnehmer der in Dresden stattfindenden PEGIDA geben ihre Ängste kund. Ängste, die Dresden aus den letzten 150 Jahren nur zu gut kennt.

Tausende Teilnehmer der in Dresden stattfindenden PEGIDA geben ihre Ängste kund. Ängste, die Dresden aus den letzten 150 Jahren nur zu gut kennt.

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AP

In Dresden gehört nur jeder Fünfte den christlichen Kirchen an, und zweifellos demonstriert die Pegida-Gefolgschaft aus nicht-christlichen Motiven gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ und angeblich „drohende Religionskriege“. Allenfalls fürchtet sie um ihre fette Christstollenseligkeit und will deshalb „Zustände wie im Westen“ der Republik verhindern. Im Klartext: Pegida-Dresdner finden es prima, wenn in der Alt-BRD Millionen Muslime für den Solidaritätszuschlag und den Solidarpakt schuften, doch soll es in Sachsen bei dem winzigen Ausländeranteil von 2,5 Prozent bleiben. Warum dieses Tamtam?

Um die Ego-Dresdner besser zu verstehen, lohnt ein Blick in die Geschichte. Im aufgeklärten Preußen konnte Staatskanzler Hardenberg am 12. März 1812 das Edikt zur Emanzipation der Juden „mit Vergnügen“ bekanntgeben. Es verhalf den altpreußischen Juden zur Staatsbürgerschaft, garantierte ihnen Wirtschaftsfreiheit, Rechtssicherheit, Schutz vor Übergriffen, Willkür und Sondersteuern. In Preußen kamen damals auf 10.000 Einwohner 120 Juden, in Sachsen waren es acht. Insgesamt wohnten dort 1840 rund 800 Juden, zum kleineren Teil in Dresden, zum größeren in Leipzig. Für das früh industrialisierte Chemnitz und das flache Land erhielten sie prinzipiell keine Gewerbeerlaubnis.

Wer denkt, wegen der geringen Anzahl wäre die Emanzipation der sächsischen Juden ein Leichtes gewesen, irrt gründlich. Das Gesetz von 1838 über die Rechtsstellung der Juden in Sachsen - verabschiedet von beiden Kammern des Parlaments - versagte den Juden die bürgerlichen Ehrenrechte und die Tätigkeit im Kleinhandel; jüdische Meister durften nur jüdische Lehrlinge ausbilden, nur mit selbst gefertigten Waren handeln und nur in der Anzahl als Meister zugelassen werden, die dem Bevölkerungsanteil der Juden entsprach. Das waren 0,08 Promille! Juden durften in Dresden oder Leipzig nicht mehr als ein Grundstück besitzen (woanders ohnehin nicht) und dieses erst nach zehn Jahren veräußern.

In Dresden waren „höchstens“ vier jüdische Kaufleute erlaubt, weil sonst „die ganze Schlossgasse von jüdischen Kaufleuten wimmeln und der Handel in die Hände der Juden“ geraten würde. Die von „deutscher Identität“ berauschten Dresdner befürchteten, dass andernfalls „die Juden das ganze Land überschwemmen und kein Bauer ohne einen Juden ein Kalb verkaufen“ könne. Auf die Bitte der Israeliten, die Restriktionen zu lockern, entgegnete der Abgeordnete Dr. Wilhelm von Mayer ohne jedes Argument und in bestem Pegida-Ton: „Wir wollen nicht!“

Kaum lockerte sich die öffentliche Ordnung, schritten Dresdens Heimatschützer zur Tat. Als das in Paris angefachte Feuer der Freiheit im Februar 1848 auch ihre Stadt erreichte, verschafften sie ihrer Volkswut „Luft“, indem „auf Anregung der verehrlichen Schneiderzunft ein Pöbelhaufen den Laden eines jüdischen Kleinhändlers stürmte, der durch seine Konfektionsware das legitime Gewerbe gegen sich erzürnt hatte“. Zu denjenigen, die 1848/49 auf den Dresdner Barrikaden standen, zählten die miteinander befreundeten notorischen Antisemiten Michail Bakunin und Richard Wagner. Sie brüllten, so darf vermutet werden: „Wir sind das Volk!“ Freiheit, selbstherrlicher Lokaldünkel und Fremdenangst gehören in Dresden schon lange zusammen.


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