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Kolumne zur Kanzlerin: Alle lieben Angie, alle hassen ihre Politik

Führungsfigur ohne besondere Aura: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Führungsfigur ohne besondere Aura: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

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dpa

Amerikanische Wissenschaftler haben festgestellt, dass die Wucht, mit der eine bestimmte Meinung vorgetragen wird, in umgekehrt reziprokem Verhältnis zur Güte ihrer Informationsgrundlage steht. Oder einfacher: Wer keine Ahnung hat, glaubt meist mit Inbrunst daran, am besten Bescheid zu wissen.

Der Befund bestätigt sich bei Visiten in Eckkneipen und Stichproben im TV-Talk. Wie auch in Horror-Phänomenen des Diskursverfalls wie dieser US-Sekte namens „Tea Party“. Die grölt einfach lauter, wenn das letzte Argument futsch ist. Sie lebt von ihrem Mantra: Der Staat ist Mist, Obama ist ein Sozialist. Psychologen sprechen hier von der „Illusion des Verstehens“. Die Folge: Der Shutdown der Politik.

Bei uns geht es ja zum Glück gesitteter zu. Doch auch Angela Merkels erster echter Sieg basiert auf einer tiefen Kluft zwischen Glauben und Informationsbasis. Man könnte sagen: auf einer ins Schizophrene changierenden großen Koalition von Empfindung und Wissen. Die Kanzlerin schwebt gerade wegen ihrer stets vagen, blutleeren Floskeln über Deutschland. Sie hat erfolgreich alle Konturen verwischt. Angela Merkel – ein Aquarell.

Schon vor der Wahl schienen selbst Demoskopen verblüfft ob des Merkel-Paradoxons. Alle Umfragen zeigten: Die Leute sahen sehr wohl die Merkelei, wussten um ihr Labern und Lavieren. In der Sache ergaben sich klare Mehrheiten gegen sie: für einen Mindestlohn, für echte Bankenkontrolle. Gegen globale Steuerflucht und das absurde „Betreuungsgeld“. Sie registrierten das Drohnen-Debakel. In Sachen NSA-Bespitzelung empfanden gerade 19 Prozent Angela Merkel als glaubwürdig. Nur war das völlig egal. „Die politische Stimmung“, vermeldete tagesschau.de im August, sei „von all diesen Ereignissen völlig unberührt.“

Kanzlerin des vagen Wohlgefühls

Fürwahr: Alle lieben Angie, alle hassen ihre Politik. Was funktioniert, weil diese Politik nicht mehr mit ihr verknüpft wird. Sie triumphiert als Kanzlerin des vagen Wohlgefühls. Die große Anästhesistin hat Verstand und Empfindung, Politik und Person erfolgreich entkoppelt. Nun ist sie beliebter denn je.

Tatsächlich aber vollstreckt Frau Merkel jeden Tag knallhart Politik. Derzeit etwa im Kampf um EU-Abgasnormen, wo die ehemalige „Klimakanzlerin“ brutal die Interessen der heimischen Automobilindustrie vertritt.

Überhaupt macht der europäische Kontext Merkel kenntlicher. Ihre CDU ist mit Silvio Berlusconis Popolo della Libertà und Viktor Orbáns Fidesz verbündet. Doch schon während man dies aufschreibt, denkt es in einem: Huch, die nette Frau Merkel, nein sowas.

An den Rändern Europas könnte uns die fatale Kehrseite unseres Wohlstandswunders klar werden. Anstatt uns in „Bild“-Manier über faule Griechen zu echauffieren. Auch die Folgen unserer europäischen Abschottungspolitik: Endlose Sargreihen auf Lampedusa. Merkels fürchterlicher Friedrich trommelt jetzt zum Kampf gegen die „Schleuser-Verbrecher“. Dabei ist seine Politik die Grundlage ihres Geschäfts.

Psychologen haben festgestellt, dass die Selbstüberschätzung ignoranter Testpersonen abnimmt, wenn ihre Kompetenz steigt. Dass ihr Urteil differenzierter wird, sobald man sie bewegt, mehr Kriterien zu bewerten. Selbst bei Keksen. Doch ist Denken leider anstrengend. Wer fängt an?