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Kolumne zur Propaganda: Im Feuerwerk der Worte

Der Historiker Timothy Snyder ist der Meinung, Putin wolle die EU zerstören.

Der Historiker Timothy Snyder ist der Meinung, Putin wolle die EU zerstören.

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imago/ITAR-TASS

"Waffenruhe“ – mein waches Auge funkt das Wort an mein schläfriges Hirn. Das so verzweifelt versucht, kühl zu bleiben in dieser Zeit des heißen Irrsinns – des Drohens und Abschreckens, des Annektierens und Vergeltens; der Flugzeugabstürze, Drohnenschläge und öffentlichen Enthauptungen.

Nun denkt es: „Ruhe. Endlich Ruhe.“ Und sinkt in einen Fieberschlaf. Erspäht dort Nato-Gipfel und die nackte Brust des Wladimir Wladimirowitsch Putin, Trümmerteile, Flugzeugträger, weinende Mütter, bärtige Gotteskrieger unter flatternden schwarzen Fahnen. Und unseren Bundespastor, der bald Waffen segnen wird. Synapsen kennen keine Feuerpause. Nachts, kurz vor vier, malen sie, wie besoffene Dadaisten, mir manchmal Bilder einer wirren Welt, an der mir nichts gefällt.

„Das Wetter war schön in diesem Sommer“, las ich dieser Tage, „man gammelte ein wenig herum. Es war fast ein bisschen langweilig. Nur, wer wie ich politisch interessiert war, der merkte, dass etwas in der Luft lag.“ Eine Notiz aus dem Sommer 1939. Als der Krieg nur ein leises Knistern im Volksempfänger war. Eine Notiz, die in mir krampfendes Unbehagen auslöst. Oh nein: 2014 ist nicht 1939, auch nicht 1914. Das geballte Erinnern kann einen irreleiten, zu allerlei Analogien verleiten, die griffig sind, aber doch nicht greifen.

Der heiße Ungeist, der den Krieg anbahnt

Was aber jeden wachen Geist nervös machen muss, ist das Feuerwerk der Propaganda, das auf allen aktuellen Kampfschauplätzen gezündet wird. Der Beschuss mit Worten und Bildern, der mit der globalen Vernetzung tausendmal schneller, heftiger, lauter geworden ist. Propaganda zielt auf unsere Köpfe. Auf das Empfinden. Sie will unsere Angst wecken, unseren Hohn, auch Neid, Stolz, Gier, Verachtung, Mitgefühl. Sie will, dass unsere Instinkte regieren. Dass wir Partei ergreifen ohne zu verstehen.

Es ist der heiße Ungeist, der den Krieg anbahnt. Der den Furor füttert. Wir gut – die böse. Nicht nur bei der Hamas. Auch in einer sich immer weiter radikalisierenden israelischen Öffentlichkeit. Auch bei Herrn Putin, der schon bei einem vierstündigen TV-Marathon Mitte April ständig von „Neurussland“ redete. Das von ihm beherrschte TV ist mächtiger und gefährlicher als seine Truppen.

Waffenruhe? In Gaza ist sie keine zwei Wochen alt. Und schon vergessen wir, erleichtert. Letzte Woche vermeldeten die USA einen weiteren Triumph im ewigen Krieg gegen den Terror, der immer neuen Terror gebiert. In Somalia wurde Ahmed Abdi Godane, Anführer der Terrortruppe al-Shabaab, getötet. Mit einer Rakete Marke „Höllenfeuer“.

Der „Islamische Staat“ setzt noch einen drauf. Mit video-öffentlichem Mord. Ich bin der „Beherrscher aller Gläubigen“, tönt der selbst ernannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi, also seien alle „Emirate, Staaten, Gruppen und Organisationen“ nunmehr „null und nichtig“. Da geht ein Raunen durch die Internetcafés dieser Welt. Die Mitläufer sind stolzerfüllt. Es drängt sie danach, für ihn zu sterben. Ein Wettlauf der Finsterlinge? Die Opas von al-Qaida sehen plötzlich alt aus. Fast schon zahm. Sie wollen jetzt auch ein Kalifat gründen, irgendwo im Großraum Indien-Bangladesch-Myanmar. Ich lache im Schlaf.

Die Welt denkt nicht mehr. Und wird dadurch wilder denn je. Mein erwachender Kopf schreit nach einer Feuerpause.


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