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Kolumne zur Querfront-Bewegung: Die Montagsdemo-Spinner nicht unterschätzen

Unter dem Label Friedensbewegung 2.0 protestieren immer Montags verschiedenste Verschwörungstheoretiker, Rechte und Populisten regelmäßig gegen die Politik von EU, USA und Nato sowie gegen das Finanzkapital.

Unter dem Label Friedensbewegung 2.0 protestieren immer Montags verschiedenste Verschwörungstheoretiker, Rechte und Populisten regelmäßig gegen die Politik von EU, USA und Nato sowie gegen das Finanzkapital.

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imago/Christian Mang

Das Wort Spinner wird dem Phänomen nicht ganz gerecht. Die Spinner mit den Alu-Hüten, die sie vor Strahlen aus dem All oder der NSA schützen wollen, scheinen unter dem Stichwort Querfront längst einen Platz in der gesellschaftlichen Mitte eingenommen zu haben. Querfront, das bedeutet die neue Allianz von rechts und links.

Sie bestreitet jegliche Handlungsmöglichkeit des Volkes, weil fremde Mächte alles steuern. Und sie ist antisemitisch. Dabei geht es gar nicht um den Antisemitismus selbst, sondern um ein Denksystem, das Demokratie für Betrug hält. Wenn das „Weltjudentum“ und das amerikanische Zentralbanksystem FED es vermögen, selbst aus Ikea-Möbeln Strahlenwaffen zu basteln, weshalb sollten sie dann nicht auch verantwortlich sein für alle Kriege dieser Welt?

Die Allianz der Querfront ist ein eher westliches Phänomen, doch es speist sich aus Verschwörungstheorien, die überall großen Zulauf haben. Ob im Hohen Norden, im Nahen oder im Fernen Osten: Sie entwickeln sich gradlinig und paradox zugleich. Je mehr Informationen weltweit zugänglich sind, desto bizarrer werden sie interpretiert. Die Anti-Aufklärung hat mit Kenntnis und Wissen ebenso wenig zu tun wie der Antisemitismus, aus dem sie gemacht ist.

Aus ihren verschiedenen Ecken kommen nun immer montags die Querfrontler zusammen, um unter dem Banner der Friedensliebe für Russland ihren Hass zu verbreiten. Russland sei kein Aggressor, sagen sie, sondern der Westen. Die Staaten, besonders aber Deutschland seien nicht souverän, sondern Vasallen der USA. Wie die „Reichsbürger“, für die das Deutsche Reich nie aufgehört hat zu existieren, sehen sie Deutschland als besetztes Gebiet.

Die USA wird von der FED beherrscht, also den reichen Juden, denen ja Staaten sowieso egal sind, denn die kennen keine Heimat. Und in Israel befinde sich das Herz des Bösen, weswegen die palästinensische Fatah schließlich mit der Hamas fusionieren werde, um sich die Israelis vom Hals zu schaffen. Der Querfront sind alle willkommen: ob NPD, AfD oder Leute aus dem grünen Milieu. Hauptsache sie applaudieren auf der neuen Montagsdemo den Verschwörungsdemagogen mit ihren unsichtbaren Alu-Hüten.

Ein Mischmasch aus Klassenkampf, Euroskepsis, Nationalismus, Paranoia und Verschwörungsideen über 9/11, Islamhass und Antisemitismus ist dabei, die Straße zu erobern. Jede dieser Gruppen für sich genommen ist meschugge, und wie alle Verrückten haben sie ihre Fans. Doch zusammen bilden sie die Ideologie eines modernen antisemitischen Pessimismus, der so widersinnig wie gefährlich ist. Denn für antiwestliche Verschwörungstheorien und Demokratieverachtung sind weit mehr Menschen empfänglich als die Summe der Irren, die jetzt hinter den Querfrontlern wie Jürgen Elsässer und Ken Jebsen hinterherlaufen.

In den letzten zehn Jahren haben sich die Szenen der antiwestlichen Verschwörungsgläubigen und Friedensesoterikern enorm vermehrt. Zwischen völkischen Ökosiedlern, Infokriegern und Antiimperialisten gibt es immer mehr Verbindungslinien. Wenn diese Bewegungen die „Alternative für Deutschland“ werden, hat alle Urteilskraft ein Ende. Wenn sie sich ernsthaft sammeln, dann haben wir ein Problem. Gegen den Wahnsinn unter den Alu-Hüten hilft nur gesteigerte Aufmerksamkeit sowie Realitätssinn und Vernunft.