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Kolumne zur Sprache der Deutschen Politik: Ganz große Worte

Dass Bundeskanzlerin Angela Merkel mal wieder schweigt, wenn es um die BND-Affäre geht, findet unsere Autorin problematisch.

Dass Bundeskanzlerin Angela Merkel mal wieder schweigt, wenn es um die BND-Affäre geht, findet unsere Autorin problematisch.

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imago/Christian Thiel

Freiheit! Darf ich Ihnen das Wort mal zuwerfen, einfach so? Ich kann das nicht so gut wie unser zwanghaft erbaulicher Bundespfarrer Gauck. Der hat sogar ein Büchlein darüber geschrieben. Sie bekommen es jetzt gebraucht „ab EUR 0,01“, wie mir ein großer Versandhandel mitteilt. So billig ist Freiheit zu haben.

Freiheit ist kostbar. Und wohlfeil. Jeder füllt das Wort anders. Dreht sein ganz persönliches Ding mit ihm. Die zwei Dutzend Freiheitsparteien, die ich ruckzuck im Internet finde, stehen auffällig oft ganz rechts. Die des Niederländers Geert Wilders etwa. Österreichs fesche „Freiheitliche“. Die Schweizer Variante, die als „Autopartei“ begann und längst am Ende ist.

Oder Gleichheit! Jawohl! Hat auch nicht mehr die alte Wucht. Wiewohl wir genau wissen, dass unsere Welt immer ungleicher wird. Und wie das oberste Prozent sein wildwachsendes Vermögen steuervermeidend über den Globus verschiebt. Geht allen schwer auf die Nerven. Dann loben sie Mister „Schwarze Null“.

Und die Brüderlichkeit! Solidarität! Gilt nicht mal mehr unter Brüdern und Schwestern. Erst recht nicht mit „den Griechen“. Oder gar mit Flüchtlingen, die auf dem Weg zu uns zu Tausenden ertrinken. Während ihnen unsere Europäische Union, die 2012 den Friedensnobelpreis für ihren Einsatz für Frieden, Versöhnung und Menschenrechte erhielt, den Mittelfinger entgegenstreckt.

Niemand formuliert mehr für uns

Sind wir umzingelt von zu vielen Worten? Sind wir zu reich, satt, faul oder schlicht verblödet? Sind die Synapsen in unseren Köpfen, in denen Träume, Ideale, Utopien verwurzelt waren, auf ein Kommando hin kollektiv vertrocknet? Wenn ja: Wer zum Teufel hat dieses böse Kommando gegeben? Wie lautete es? „Wegtreten“?

Revolutionäre sind einst gestorben für die Ideen, die hinter solchen Begriffen standen. Selbst Parteien fühlten sich lange bemüßigt, sie auf ihre Plakate zu drucken. Die CDU etwa zog 1980 „für Frieden und Freiheit“ in den Wahlkampf. 2005 zeigte sie nur noch den Kopf der Frau Merkel und schrieb daneben: „Ein neuer Anfang.“ Das reichte.

Es war jene Zeit, da die gute alte Tagesordnung zur Agenda und das einst so verheißungsvolle Wort Reform zum Synonym für die nächste neoliberale Verrenkung mutiert war. Die Zeit, da unsere Bundesgesetze den Namen eines Herrn Hartz trugen, Personalvorstand von Volkswagen und später wegen Untreue verurteilt. Kurz: Es war die Ära des Pragmatikers Schröder. Die hinterließ uns ziemlich sprachlos.

Insofern war Merkel wirklich ein neuer Anfang: das Fleisch gewordene Antipathos. Sie nahm alles Testosteron aus der Politik. Aber sie füllte nichts nach und wurde so zur Meisterin der Unschärfe, der bleiernen Belanglosigkeit. Zur sprachlosen Diskurs-Walze. Bis heute spricht sie alles irgendwie an, ohne etwas zu sagen. Sie rollt die Sprach-Matratze aus, auf der wir alsbald sanft entschlummern.

Ja! Wir wollen Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden! Doch niemand formuliert mehr für uns, wie diese Ideale wahr werden können in unserer Welt. Merkel ist nur Symptom, Spiegelbild unseres narkotisierten Geistes. Fast 20 Millionen haben 2013 ihre C-Union angekreuzt. Die deutsche Wahlkreiskarte war nahezu pechschwarz. Es wird wieder so kommen, wenn wir nicht bald anfangen, zu begreifen, zu denken und zu reden.