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Kolumne zur Sterbehilfe: Selbstbestimmt und mit Würde

Erich Loest (links) und Joachim Gauck (Archivbild 2009).

Erich Loest (links) und Joachim Gauck (Archivbild 2009).

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dpa

Er ging seinen Gang, hieß es. Er ging seinen Gang bis zu einem Fenster in der Uniklinik in Leipzig. Und dann ging er einen letzten Schritt weiter. Der Schriftsteller Erich Loest hat Selbstmord begangen. Und wir sind bestürzt. In unserem Land versteckt man das, was Loest getan hat und Tausende andere tun, hinter dem Fremdwort Suizid. Klingt sauberer, klingt nicht nach zerschmettertem Schädel, nicht nach Blutbad. Aber was ist das für ein Land, das lebensmüde Menschen zwingt, auf diese brutale Weise Selbstmord zu begehen? Lokführer, die einen Verzweifelten unfreiwillig töten, und Rettungssanitäter, die seine blutig zerfetzten Überreste sehen oder entsorgen müssen, bekommen psychologischen Beistand. Aber die Bilder gehen ihnen nie mehr aus dem Kopf.

Selbstbestimmt und mit Würde in den Tod zu gehen, wachen Geistes und vielleicht sogar heiter, das wäre Euthanasie im wörtlichen Sinne des Wortes. Aber das Wort ist historisch gründlich vergiftet. Die Nazis haben auch das auf dem Gewissen. Sie haben wehrlose Opfer durch Euthanasie nicht erlöst, sondern ermordet. Planmäßig und massenhaft. Bis heute stehen wir unter diesem Schock der Barbarei, zu Recht. Aber es ist Zeit, die Euthanasie endlich zu entdämonisieren.

Wie das gehen kann, sehe ich in der Schweiz und den Niederlanden. Dort ist Sterbehilfe längst möglich. Die Mutter von Freunden hatte 15 Jahre lang gegen den Knochenkrebs gekämpft. Nun aber saßen Metastasen in der Leber und am Ende half nichts mehr, keine Schmerzmittel, kein Morphium. Aber sie ging ihren letzten Gang nicht bis zu einem Fenster in irgendeiner Klinik. Nein. Die Familie versammelte sich um sie. Es wurde ein bewegender und bei aller Trauer auch glücklicher Moment, als sich alle miteinander an all die schönen und verrückten Momente des gemeinsamen Lebens erinnerten, dann Abschied nahmen und dabei waren, als Medikamente ihr Leben sanft beendeten. Ähnlich handelte der belgische Medizin-Nobelpreisträger Christian de Duve. Der 95-Jährige schied im Mai im Kreise seiner Familie aus dem Leben. Mit einem Adieu und lächelnd.

Deutschland hingegen verharrt in einer Mittelalter-Ethik. Der Schmerz gehöre zum Leben, heißt es. Aber es rührt sich was. Die Kirchen öffnen sich zaghaft der Idee von Hospizen und Palliativmedizin. Immerhin. Dagegen schwingt der Deutsche Ärztetag seit 2011 eine gnadenlose Keule: Beihilfe zum Suizid ist allen Ärzten berufsrechtlich verboten. Der Beschluss widerspricht eklatant nicht nur den Wünschen der Bevölkerung, sondern auch der Berufserfahrung vieler Ärzte. In einer Allensbach-Umfrage wünschte sich jeder dritte Mediziner die gesetzliche und berufsständische Erlaubnis, einem Todkranken beim Freitod helfen zu dürfen. Es gibt auch berechtigte Einwände gegen Sterbehilfe. Kinder, die ans Erbe wollen, der Sterbewunsch nach schwersten Unfällen, unerträgliche Bedingungen in Pflegeheimen. Hier müssen wir genau hinsehen.

Bundespräsident Joachim Gauck hat sich zum Tod von Erich Loest zu Wort gemeldet. „Wir verlieren einen Schriftsteller mit einer unbeugsamen Haltung, nämlich der Wahrheit und der Freiheit verpflichtet zu sein.“ Zur Freiheit des Menschen gehört für mich aber auch, selbstbestimmt zu gehen. Am liebsten unter Menschen, die mich lieben.


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