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Kolumne zur Ukraine: Gedränge an Putins Brust

Wladimir Putin im Kreise der Verbündeten, Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko und Kasachstans Präsident Nursultan Nasarbajew.

Wladimir Putin im Kreise der Verbündeten, Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko und Kasachstans Präsident Nursultan Nasarbajew.

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AP/dpa

Wladimir Wladimirovich Putin ist so „links“ wie meine rechte Socke. Wir wissen, wie er Propaganda macht, wie er Widersacher kaltstellt, wie er im „nahen Ausland“ agiert. (Ich rate zu einer Sommerfrische in Abchasien, Südossetien, Transnistrien, Nagorny Karabach.) Wir kennen seine nackte Brust, seinen schwarzen Gurt, seine Pipeline-Power, seine kulturellen Referenzen an Zaren und Sowjetführer, sein Hantieren mit Angst und Stolz, Nationalismus und Gewalt. Beim ersten Fernsehauftritt verteilte der Präsident Jagdmesser an tschetschenische Soldaten. Nein, Putin ist nicht der einzige Machtpolitiker auf Mutter Erde. Und nicht das personifizierte Böse. Aber ein ziemlich starkes Stück.

Beeindruckender noch: die Galerie derer, die sein Gebaren derzeit mit nickendem Verständnis bis offener Begeisterung begleiten. Hier finden sich neben der orthodoxen Kirche, den Kosaken und Ramsan Kadyrow auch Aljaksandr Lukaschenka und die Linkspartei, der Machtpragmatiker Schmidt und der Männerfreund Schröder, Sahra Wagenknecht, Alice Schwarzer und Marine Le Pen, die Jusos, die AfD, die deutsche Wirtschaft und Österreichs FPÖ. Die Aufzählung ist mitnichten vollständig.

Neben Geschäftsinteressen sind hier Sehnsüchte und alte Reflexe am Werk. Ich verstehe den Wunsch, die Welt in Gut und Böse zu trennen. Sie ist ach so unübersichtlich, so widerlich widersprüchlich. Der Versuch, Position zu beziehen, bleibt ehrenhaft, wichtig, richtig. Leider landet man dabei dauernd in der Abseitsfalle. Die Logik, dass der Feind meines Feindes zum Freund wird, war schon immer fatal.

Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich

Ist es Angst? Zorn? Oder doch nur Verwirrung? „Am Tag X“, schreibt ein Herr Elsässer, der den beschwerlichen Weg vom Kommunistischen Bund zur AfD bewältigt hat, stelle sich „eine ganz praktische Frage: Wenn Gysi und Co. eine Blockade gegen die nach Osten rollenden Nato-Panzer bilden – werden Sie dann Lucke & Co. wegschicken, wenn die mithelfen wollen?“

Das Traumduo Schmidt-Linkspartei erklärt: Wenn eh alle das Völkerrecht brechen, darf Putin das auch. Weil einige Westmächte Libyen bombardierten, kann ein Putin mit Soldaten, Hooligans und Geheimdienstlern ruhig die Ukraine aufmischen. Sich die Krim nehmen. Genau wie wir den Kosovo!, ruft ein Chor. Doch nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich.

Oft scheint mir verbrämte Slawenverachtung im Spiel, mit einem Quentchen Küchenpsychologie. Die arme russische Seele, heißt es, habe den Kollaps der Sowjetunion ganz schlecht verarbeitet. Zudem brauche der Russe, anfällig für Ganoven und Schirinowskis, den Zuchtmeister.

„Ein Russland ohne einen wie Putin würde vermutlich in der Faust der Mafia enden“, teilte uns etwa Frau Schwarzer mit. Zudem seien er und sein Reich „eingekreist“, weiß die Kennerin, im Süden „rasseln die Gotteskrieger in den islamistisch beherrschten Ländern mit Maschinengewehren und Raketenbasen“. Vielen wird in ihrem eng gewordenen Deutungskorsett jetzt die Luft knapp. Mit letztem Atem zürnen sie uns gleichgeschaltet-verschworenen Journalisten, die wir ja bekanntlich alle im Sold der EU, der Nato, der CIA, der Banken, der Faschisten, der Juden, der Islamisten oder was-weiß-ich-wem stehen. Bevor sie jetzt in die Tasten greifen: Nein, ich habe John F. Kennedy nicht erschossen


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