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Kolumne zur USA: Die Zweifel der Tellerwäscher

Die Bürger der USA glauben nicht mehr daran, dass sie es eines Tages bis ganz nach oben schaffen.

Die Bürger der USA glauben nicht mehr daran, dass sie es eines Tages bis ganz nach oben schaffen.

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imago/Westend61

USA. Endlich. Verdammt langer Anlauf diesmal: Ein halbes Jahr Gezerre um ein Journalistenvisum. Den Heimatschützern gilt jeder als verdächtig. Trotzdem gut, wieder dort zu sein. Dieses Land ist mir wirklich alles: die frech-fromm-fröhliche Freiheitsbehauptung und ihr garstiges Gegenteil. Der große Mythos, der sich oft als Märchen entpuppt. Ich bin jedes Mal gerne dort. Dann gerne wieder weg.

Was mich diesmal erschrak: Wie rissig der Lack ist. Wie desillusioniert viele Menschen wirken. Das geht tiefer als der schon übliche Zorn auf „die Politik“. Nach etlichen Gesprächen an Straßenkreuzungen und Supermarktkassen, in Stadthallen, Wohnzimmern und Notunterkünften ziehe ich dieses Zwischenfazit: Die Tellerwäscher haben beträchtlichen Zweifel daran, irgendwann doch noch Millionär zu werden.

Mittelschicht in der Krise

Sie haben ausgeträumt. „Wir alle“, sprach die Chefin eines Obdachlosenasyls, „sind ein Gehalt davon entfernt, selbst hier zu landen.“ Ein biederer, patriotischer, vollbeschäftigter Bürger stockte mitten im Gespräch und rief, kopfschüttelnd: „Die ganze Richtung stimmt nicht mehr!“

Dabei boomt die Wirtschaft gerade. Wuchs im dritten Quartal so stark wie seit elf Jahren nicht mehr. Die Aktien fliegen himmelhoch. Eben stieg der Dow Jones Index erstmals über die Marke von 18.000. Doch wirkt dieser Boom wie eine geschlossene Veranstaltung. Er geht an Abermillionen spurlos vorüber. An jenen, die Doppelschichten machen und trotzdem kaum die Miete schaffen. Weil viele Löhne miserabel sind. Die Mittelschicht ist 40 Prozent ärmer als vor der letzten Krise. Das Wachstum danach ging zu 95 Prozent auf Konto der obersten „one percent“.

Während das Leben immer teurer wird. Während die Gewinner, die mit den tollen Jobs und den Aktienoptionen über den Kauf eines noch geileren Sportwagens und dieser schmucken Sommerresidenz sinnieren. Und dabei mit ihrem reinrassigen Golden Retriever joggen.

Die Reichen werden immer reicher

Es gibt tausend Studien, die zeigen, dass die Reichsten immer reicher werden, die Mitte zerfällt und die Chancen unten schwinden. Dass selbst Bildung ein Business geworden ist, für viele unbezahlbar. Ich ging durch den riesigen Park der elitären Stanford University. Im Herzen des Silicon Valley. Wo ein Studienjahr an die 60.000 Dollar kostet. Alles top gepflegt. Und überall standen Asiaten und fotografierten einander. Sie träumen noch. Das große Geld aber herrscht dreister denn je. Abermilliarden strömen als Schmiermittel in die Politik. Lobbyisten, Politiker, ja selbst die Richter des Supreme Court sorgen dafür, dass dies so bleibt. Propaganda gilt als „freie Rede“. Drohnentod? Weltüberwachung? Folter? Kaum Thema. Der ach so verklärte Obama hat wenig bewirkt. Ernüchterung kondensiert als Zynismus. Was kann noch kommen? Clinton II. versus Bush III.? Gerade die Jungen, die Schwarzen und Hispanics gehen – schon wieder – nicht mehr zu Wahl. Und alle, die ich fragte – Geschäftsleute, Bürgermeister, Busfahrer – sagten: Unser Land wird immer ungerechter. Und das ist ein Problem.

Die USA zweifeln an sich, nicht nur in den Schlangen vor den Suppenküchen. So sehr, dass man schon zu deutschen Wörtern greift. Wie schrieb neulich ein US-Kolumnist? „Weltschmerz has become the dominant Zeitgeist.“