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Berliner Zeitung | Kolumne zur WM: Über den Tellerrand - und nicht zurück
15. June 2014
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Kolumne zur WM: Über den Tellerrand - und nicht zurück

Kevin-Prince Boateng, Ghanas Starspieler.

Kevin-Prince Boateng, Ghanas Starspieler.

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AFP

Gelächter, Beifall, Schenkelklopfen, Kopfschütteln, bissige Sprüche. Die Luft ist heiß, das Bier gut kalt. Die kleine Schar unterm Strohdach genießt das Kickerspektakel auf dem Monitor. Gerade fegen die Holländer die Spanier vom Rasen. Da schwankt auch hier in Accra, Ghana, die Stimmung zwischen Spott und Mitleid. Noch sind alle völlig entspannt. Die eigene Mannschaft spielt erst Montag.

Wie sehr ein Ortswechsel sofort die Sicht verändert, ist immer wieder verblüffend. Wie schnell anderes wichtig wird, wenn man weit weg ist von EZB, SPD und DFB, von Bohlen, Jauch und Pofalla. Wenn man die Tagesschau und selbst den Tatort verpasst. Und eintaucht in eine Welt, die bei uns kaum einer auf dem Schirm hat. Was ja eigentlich unser heiligster Journalistenjob sein sollte: Zu erkunden, was nicht jeder eh schon kennt. (Nur schade, dass kaum noch jemand Spesen dafür zahlt.)

Ghana ist wohl eines der freundlichsten Länder der Welt. Stolz auf seine Freiheit. Laut, lebenslustig, demokratisch. Regierungen, die nichts taugen, werden abgewählt. Das Land ist reich – an Gold, Öl, Kakao, Fisch. Die Wirtschaft wächst. Viele aber profitieren kaum davon. Rackern von Sonnenaufgang bis zur Abenddämmerung – und leben doch nur von der Hand in den Mund. Gerade mal so. Jeder neue Tag eine neue Herausforderung. Sie werden auch mal zornig. Weil das alles nicht fair ist. Und bleiben trotzdem offen, hilfsbereit, warmherzig. Sagen Hallo, erzählen gern, stellen dem Fremdling viele Fragen, lachen. Sie interessieren sich für die Welt. Und genießen jedes gute Spiel.

Wie sehr unsere Wahrnehmung im Dorf verharrt

Auch die Ghanaer fiebern für das eigene Team, ihre Black Stars. Der Präsident verlangt von seinen schwarzen Sternen den Titel. Die Fans schwenken die rot-gold-grüne Fahne. Und bangen, ob die Abwehr stark genug sein wird. Ob es überhaupt Strom geben wird, wenn die entscheidenden Spiele laufen. Ghana hat mit dem Nachbarn Elfenbeinküste ein cleveres Abkommen getroffen: Man liefert sich einander Elektrizität, wenn die jeweils eigene Mannschaft spielt. Erst, wenn die Teams gegeneinander antreten müssen, entsteht ein Problem. Man wird es lösen. Irgendwie.

Wer den deutschen Mikrokosmos – wahrscheinlich jeden Mikrokosmos – einmal für längere Zeit verlassen hat, ist verloren für ihn. Ja, man kommt gern nach Hause, genießt den Wohlstand, frönt der Kultur, lobt den Rechtsstaat, die Altersvorsorge, die immer verfügbare Elektrizität. Freut und erregt sich über dieses und jenen. Nimmt wieder Teil am deutschen Sein, an der deutschen Sicht. Doch nimmt man sie nie wieder ganz ernst. Akzeptiert ihre Deutungshoheit nicht mehr. Die Welt ist verdammt viel größer als wir.

Manchmal staune ich, wie eng unser Blick, wie starr unsere Klischees, wie klein unser Kokon geblieben ist auf diesem total vernetzten Globus. Wie wenig wir tatsächlich wissen wollen, wiewohl wir so viel wissen könnten. Wie sehr unsere Wahrnehmung im Dorf verharrt. Unsere Waren, die T-Shirts und Fernseher, der Kaffee und der Sprit, kommen von überall her. Selten kennen wir ihre Geschichte. Die Menschen, die sie ausgebuddelt und gepflückt, genäht, gelötet, verpackt und verschifft haben, hinterlassen keine Spuren auf ihnen. Unser Konsum ist längst viel globalisierter als unsere Köpfe.