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Berliner Zeitung | Kommentar: "Entsetzen" im Feuilleton
15. December 2015
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Kommentar: "Entsetzen" im Feuilleton

Mark Zuckerberg ist der Gründer von Facebook.

Mark Zuckerberg ist der Gründer von Facebook.

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imago/ZUMA Press

Da schreibt man über sehr deutsche, mit vielerlei Verdächtigungen angereicherte Reaktionen auf Mark Zuckerbergs Spendenfreude ein paar Absätze, und schon erfindet Deutschland Radio Kultur das „Entsetzen über eine Kolumne“. Ich betitelte sie „Stille Antisemiten gegen Zuckerberg“, in der Online-Ausgabe erhielt sie die sinnwidrige Überschrift „Die Häme gegen Mark Zuckerberg ist antisemitisch“. (Zur Information über Text und Gegentexte gebe man im Internet die Wörter Hanfeld, Aly, Zuckerberg, Kaube ein.) Zur Kritik möchte ich bemerken:

Hundertfach wurde behauptet, Zuckerberg verstehe sich als Atheist, nicht als Jude. Ich hätte ihn „dazu gemacht“. Wie das? Erst vergangene Woche postete er aus (berechtigtem) Entsetzen über die antimuslimischen Ausfälle von Donald Trump: „Als Jude (As a Jew) haben mich meine Eltern gelehrt, dass wir Angriffen auf alle menschlichen Gemeinschaften entgegentreten müssen.“ Gefreut hat mich die Reaktion von Sascha Lobo, des von mir kritisierten Kolumnisten von Spiegel-online.

Er schreibt neben anderen lesenswerten Erwägungen: „Ich sehe ein, dass ich im Kontext des Antisemitismus noch intensiver auf meine Wortwahl und meine Begriffswelten achten muss“. Zu der von mir inkriminierten Zuckerberg-Karikatur der Süddeutschen Zeitung ist zu ergänzen, dass sie nur in einer Teilausgabe erschien, weil geistesgegenwärtige Redakteure die antisemitische Tendenz bemerkten. Der Zeichner fühlte sich unschuldig - genauso „unschuldig“ kann man mit Worten karikieren.

Viele Leser schrieben in einer Weise gegen meine Kolumne an, die meine Befürchtungen verstärken, wie zum Beispiel Dr. Hans P. aus 12587 Berlin. Er findet: „Herr Zuckerberg ist ein Kapitalist und gehört damit zu jener sehr kleinen Gruppe von Menschen, in deren Händen sich mittlerweile mehr als 50% des Weltvermögens gesammelt hat, während der überwiegende Teil der Menschheit oft nicht einmal das Nötigste zum Überleben besitzt. (…) Wenn nun einer wie Götz Aly kommt und eine solche Kritik als antisemitisch oder rassistisch herabzusetzen versucht, dann ist wohl klar, wer hier der Rassist ist.“

Leider darf sich Dr. P. von einem Artikel ermutigt fühlen, in dem Zuckerberg hintereinanderweg so charakterisiert wird: „Persönlicher Weltmachtanspruch“, zahlt in Europa „so gut wie keine Steuern“, „Masche“, „Camouflage“, Erfinder „des größten Trojanischen Pferdes“ seit Odysseus, „globales Geschäft“, „verlogener Tonfall“, behandelt Internetnutzer als „Untertanen“, scheut sich nicht, „für seine Zwecke“ seine neugeborene Tochter, „die Allerkleinsten in Dienst zu nehmen“. Der Verfasser, Michael Hanfeld von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ist, um das klarzustellen, kein Antisemit – er hat Klischees verbreitet, die Antisemiten mit Vorliebe benutzen.

Wir unterschätzen in Deutschland den stillen Antisemitismus. Er äußert sich in der Kritik am „Geschäftsgebaren“ Einzelner und im neidischen Unterton. Zumindest ein früherer Redakteur der FAZ wusste das sehr genau: „Je größer mein Erfolg war“, so fasste es Marcel Reich-Ranicki in seinen Erinnerungen zusammen, „desto häufiger bekam ich Neid und Missgunst zu spüren und mitunter auch unverhohlenen Hass.“