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Kommentar : Schluss mit der Diffamierung von Atheisten!

Eine Demo gegen den Papstbesuch im Jahr 2011. Gegen die Herabsetzun durch Gläubige wehren sich die Atheisten wenig.

Eine Demo gegen den Papstbesuch im Jahr 2011. Gegen die Herabsetzun durch Gläubige wehren sich die Atheisten wenig.

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imago stock&people

ws daIn Ostdeutschland glauben weniger Menschen an einen Gott als in jeder anderen Region der Welt. Fast drei Viertel der Menschen sind konfessionslos, rund 46 Prozent haben nie an einen Gott geglaubt. Dieselbe Untersuchung von 2012, die diese Realität ans Licht hob, ergab, dass nur 7,8 Prozent der Ostdeutschen keine Zweifel an der Existenz Gottes haben. Die weit überwiegende Mehrheit denkt atheistisch, setzt gleichwohl Traditionen fort – christliche wie vorchristliche. Man steckt Lichter (römisch) an den Weihnachtsbaum (heidnisch), freut sich der Familiengemeinschaft (sehr archaisch) und findet die Legende schön, die von der Geburt des Knaben erzählt, der ein Erretter werden sollte.

In großer Toleranz wählt die religionsferne Mehrheit hierzulande Christen in Regierungsverantwortung. Mit Bodo Ramelow wurde ein frommer Protestant aus der Linkspartei Ministerpräsident im Ein-Drittel-Christenland Thüringen. In Sachsen- Anhalt sind nur 20 Prozent der Bürger, aber fast die Hälfte der Landtagsabgeordneten religiös gebunden.

Offenkundig ist Religion vielen Deutschen einfach unwichtig. Sie betreiben ihren Atheismus nicht militant oder pflegen ihn demonstrativ. Deshalb ist es rätselhaft, warum sich diese wachsende bürgerliche Mehrheit ungerührt diffamieren lässt. Innenminister Thomas de Maizière stellt pauschal urteilend einen direkten Zusammenhang zwischen Fremdenfeindlichkeit und Atheismus her, weswegen mehr Christlichkeit besser wäre. Die Grüne Katrin Göring-Eckardt unterstellt Atheisten kognitive Störungen, weshalb das komplexe Christentum, „verständlich und lebensnah“ vermittelt werden müsse. Die Pfarrerstochter im Kanzleramt formuliert vorsichtiger, aber kaum weniger diffamierend: „Unsere Politik fußt auf dem christlichen Menschenbild.“ Wie in allen einschlägigen Äußerungen dominiert die Einbildung, das Christentum habe Moral, Gerechtigkeit und Nächstenliebe erfunden. Das ist ahistorischer Unsinn.

Der katholische Schriftsteller Martin Mosebach formuliert die Infamie so: Die Verbindung zu Christus bringe die „Fähigkeit zum Menschsein erst zur Vollendung“, Unreligiöse seien „in ihrer Vollausbildung als Menschen beeinträchtigt“, „ein Leben in völliger Abkehr von Gott ist eine reduzierte Existenz“. Der Mann nennt mich und die mit-atheistische Mehrheit hierzulande seelische Krüppel – Halbwesen, denen Entscheidendes zum Voll-Menschen fehlt. Man stelle sich vor, diese Aussagen würden auf Muslime bezogen.

Fragt sich, warum die Gegenwehr schlaff bleibt. Nicht einmal 40.000 Konfessionslose – Atheisten, Humanisten und Freidenker – gehören irgendeiner einschlägigen Organisation oder Interessenvertretung an. Weniger als es Mormonen oder Jesiden in Deutschland gibt.

Gleichgültigkeit gegenüber Religiosität schlechthin mag das erklären und die Tatsache, dass die Ungläubigen den Rückzug ins Private bevorzugen. Dort zelebrieren sie eigene populäre Rituale wie die Jugendweihe und erschaffen solidarische Gemeinschaften wie Nachbarschaftshilfen in Kleinstädten – neidisch bestaunt von vereinsamten Ortsgeistlichen.

Seit aber Pegida glaubensfernen Hetzpredigerinnen und -predigern nachläuft, angeblich um das christliche Abendland zu verteidigen, sind Atheisten herausgefordert klarzumachen, dass Religionsferne nicht mit Inhumanität einhergeht. Schweigt die unsichtbare Ungruppe der Atheisten zu dieser Frage, läuft sie Gefahr, ins Eins mit den Fremdenhassern gesetzt zu werden. Aber sie hat keine starken Sprecher. Der Humanistische Verband Deutschlands wäre prädestiniert, wird aber als Stimme kaum wahrgenommen. Es reicht nicht, wenn er die Trägerschaft für ein Flüchtlingsheim übernimmt. Wie schwach die Atheisten positioniert sind, zeigt paradoxerweise ein Vorhaben der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Die arbeitet an einer Expertise zum „Diskriminierungsschutz für das Merkmal Weltanschauung“.

Die gesamte Gesellschaft muss sich jetzt vor Augen führen, dass religiöser Extremismus, vom Islamischen Staat besonders gewalttätig in alle Welt getragen, an erster Stelle die Gottlosen bedroht. Ihre Lebensweise wird noch unverhohlener bekämpft als die anderer Religiöser. Ihnen gebührt ausdrückliche Solidarität. Daher darf man erwarten, dass unser christliches Staatsoberhaupt demnächst vor aller Welt mitteilt, dass der Schutz der Atheisten so wie die Gleichberechtigung der Frau oder der Schwulen zur deutschen Leitkultur gehört. Das wäre auch manchem Deutschen neu – aber gerade deshalb zum Wohl der Allgemeinheit.


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