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Berliner Zeitung | Kommentar: Eine Entschädigung der Opfer steht aus
02. September 2014
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Kommentar: Eine Entschädigung der Opfer steht aus

Ein Denkmal erinnert seit Dienstag in Berlin an die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde.

Ein Denkmal erinnert seit Dienstag in Berlin an die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde.

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Getty Images

Der Name T4 klingt nach kühler Sachlichkeit. Kurioserweise trägt auch das Modell eines Transporters von Volkswagen dieselbe Bezeichnung. Unter der Aktion T4 aber verbarg das NS-Regime ein systematisch betriebenes Programm zur Ermordung von Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen. Zwischen 1940 und 1941 wurden mehr als 70 000 Menschen getötet. Nach einer auch in der Bevölkerung Widerhall findenden Protestpredigt des Münsteraner Bischofs Clemens van Galen stellten die Nazis ihr biopolitisch motiviertes Vernichtungsprogramm zwar offiziell ein. Insgesamt aber fielen bis Kriegsende den mit wissenschaftlicher Akribie betriebenen Tötungen mehr als 300 000 Menschen zum Opfer.

Das gestern am Rand des Berliner Tiergartens eröffnete Denkmal zur Erinnerung an die Opfer der Euthanasie-Morde zeigt einmal mehr, dass es in der Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus keinen Schlusspunkt geben kann. Es hat sehr lange gedauert, bis das Schicksal der Opfer von Euthanasie und Zwangssterilisation überhaupt öffentlich wahrgenommen wurde. Und eine angemessene politische Rehabilitierung der Opfer steht noch immer aus. Bis heute sind die Überlebenden der zynischen Aktion T4 nicht als Rassisch-Verfolgte des Nationalsozialismus anerkannt und entschädigt. Es ist überfällig, genau dies zu tun.