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Kommentar: Mit hartem Vorgehen gegen die Täter fängt die Gegenwehr erst an

Gewalt gegen Frauen ist ein globales Problem. Hier protestieren Menschen in Neu Delhi gegen sexuelle Übergriffe.

Gewalt gegen Frauen ist ein globales Problem. Hier protestieren Menschen in Neu Delhi gegen sexuelle Übergriffe.

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imago/Hindustan Times

In Köln haben sich in der Neujahrsnacht mehrere hundert junge Männer, aufgeteilt in Gruppen, wehrlose Frauen umzingelt, begrapscht, entkleidet, massiv sexuell belästigt, gedemütigt, beraubt. Offenbar stammen die Täter aus Nordafrika und dem arabischen Raum. Das Entsetzen ist groß, weil es der erste derartige Vorfall in Deutschland war. Von einer komplett neuen Dimension sexueller Gewalt und organisierter Kriminalität ist die Rede.

Für Deutschland mag das zutreffen, aber Millionen Frauen in vielen Teilen der Welt kennen solche Zustände nur allzu gut und erfahren immer wieder, dass sie bagatellisiert werden. Während der vermeintlichen Demokratiefeste auf dem Kairoer Tahrir-Platz zum Beispiel ereignete sich reihenweise genau das, was jetzt Köln erschüttert: Gruppen junger Männer kreisen Frauen ein, entkleiden und misshandeln sie. Die Vorfälle wurden bekannt, weil sie an prominenter Stelle stattfanden. Es gibt sie aber überall, wo die Gesellschaft jungen Männern beibringt, Frauen seien Freiwild.

Übergriffe auch im Alltag

In den vergangenen Jahren haben wir grausamste Fälle von sexueller Gewalt in Indien erlebt, in Afrika, in der arabischen Welt. Kriegsberichten aus Kongo, Sudan, Zentralafrika und so fort haben wir entnommen, dass Vergewaltigung von Frauen in ungeheuerlichem Ausmaß zur normalen Kampfpraxis gehört.

Es geht aber auch millionenfach banaler: Als Frau in einem dicht besetzten Bus zu fahren, ob in Havanna oder Luanda, kann durchaus mit einer Hand zwischen den Beinen enden. In Deutschland berichteten in einer Studie der Freiburger Universität 41 Prozent der befragten Studentinnen, schon einmal gegen ihren Willen an den Brüsten oder den Genitalien berührt worden zu sein, meistens von Fremden.

Grapscherprozesse an deutschen Gerichten belegen: Die Gesellschaft kämpft mit Herrsch- und Triebsucht. Die sexuellen Gräuel, die Deutsche während des Zweiten Weltkriegs begingen, sollen nur insofern erwähnt sein, als dass man hierzulande stolz darauf ist, diese Schande in der Vergangenheit begraben zu haben.

Zivilisationsgewinn mit allen Mitteln verteidigen

Ja, wir dürfen uns in Europa zugutehalten, dass die Beziehungen der Geschlechter mittlerweile in der Regel von Respekt geprägt sind, so dass sich Frauen frei und ohne Angst bewegen können. Wir wollen, dass auf diese Umgangsformen nicht nur in Migranten-Wegweisern durch die deutsche Leitkultur hingewiesen wird, sondern, dass dieser mühsam errungene Zivilisationsgewinn mit allen Mitteln des Rechtsstaates verteidigt wird.

Wir wollen, dass die Hirngespinste überängstlicher Fremdenfeinde nicht das Klima bestimmen. Auch deshalb müssen sich alle für den Schutz von Recht und Ordnung Zuständigen mehr einfallen lassen, um real heranziehende Übel wie Sexualterror eindämmen zu können. Auch wer es völlig in Ordnung findet, dass Deutschland sich ändert, will nicht, dass die Grundfesten der Freiheit wanken. Das wird ja wohl zu schaffen sein.

Da hilft auch kein Integrationskurs

Viele der zu uns kommenden Zuwanderer werden unsere schutzwürdigen Zustände lieben, sobald sie in deren vollen Genuss kommen. Manche kommen ja genau deswegen zu uns. Aber vielen wird es schwer fallen, zu Einsichten zu gelangen, die Voraussetzung für gutes Leben hier sind.

Nichts ist zäher als archaische Dogmen über Geschlechterbeziehungen. Wem Familie, Schule, Religion, Staat, Kultur, Tradition, was auch immer, ein heuchlerisches, doppelbödiges Geschlechterbild einpflanzte, dem ist nicht durch einen Integrationskurs zu helfen. Dem helfen hoffentlich viele positive Erfahrungen.

Eine neue Art Sex-Hooligans

Da aber liegt das Riesenproblem: Woher sollen die kommen? Egal, wer die Täter von Köln waren – Männer, die schon länger hier sind, schlecht integriert in einer kriminellen Parallelwelt leben, oder eine neue Art Sex-Hooligans oder Leute, die an Silvester besoffen mal Rache nehmen wollen an einer als provokant empfundenen Gesellschaft – mutmaßlich sind sie in Sexualnot gefangen.

Eine offene Kultur wie unsere wird für die damit einhergehende Pein Verständnis aufbringen, kann aber nur hierzulande gesellschaftsfähige Auswege anbieten. Sexuelle Übergriffe gehören dazu definitiv ebenso wenig wie Trostfrauen.

Hilfe ist denkbar beim Erkennen und Abstreifen der Fesseln der alten Kultur: Frauen sind eben nicht entweder heilige Mütter oder schleierlose Schlampen; das Mannesideal liegt eben nicht nur im patriarchalen Wahrer der Ehre. Die Sprengkraft dieses Urkonflikts kann gar nicht unterschätzt werden. Mit hartem Vorgehen gegen die Täter von Köln fängt die Gegenwehr erst an.