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Kommentar zu Gedenktag: Wie Viktor Klemperer die Nazizeit in Dresden erlebte

Wenn unsere Autorin als Kind nach Dresden fuhr, gruselte sie sich. Die Stadt wurde am 13. Februar 1945 zerstört.

Wenn unsere Autorin als Kind nach Dresden fuhr, gruselte sie sich. Die Stadt wurde am 13. Februar 1945 zerstört.

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imago/United Archives

Rußschwarz war alles, was von Dresden übriggeblieben war. Wenn ich als Kind dorthin fuhr, gruselte es mich. Aber ich hatte dort diesen wundervollen Großonkel Viktor Klemperer. Er war warm und witzig und hatte eine große Nase. Der Bombenangriff der Alliierten am 13. Februar 1945 hatte ihm das Leben gerettet. Viktor Klemperer, den Befehl zum Abtransport nach Auschwitz bereits in der Tasche, riss sich den Gelben Stern von der Jacke als die Häuser brannten. Da war so viel Feuer, dass sich selbst beim besten Willen die deutsche Ordnung nicht würde durchsetzen lassen. Nur deshalb konnte er entkommen.

Zügellos bürokratisch hatten die Dresdner trotz aller barocken Pracht und ihres hohen Bildungsniveaus ihre Nachbarn ermorden lassen. Dresden, das Sodom und Gomorra des 20. Jahrhunderts, wurde zerstört, weil es sich, wie in der Bibel beschrieben, an den Eigenen und den Fremden vergangen hatte.

Viktor Klemperer hatte sein Leben lang Tagebuch geschrieben. Es half ihm, sich in einem wirren Jahrhundert zu orientieren. Er wurde als Sohn eines Rabbiners geboren. Doch entschied er für sich, nicht als Deutscher jüdischen Glaubens seinen Weg zu machen, sondern als Jude deutschen Glaubens. Dass er, obwohl längst Christ geworden, in den Augen der anderen immer Jude bleiben würde, hatte er früh erleben müssen. Sein Glaube an Deutschland aber trug ihn jenseits aller denkbaren Möglichkeiten, sein Land noch rechtzeitig zu verlassen. So erlebte er Dresden die ganze Nazizeit hindurch, bis es dann rußschwarz war.

Mehr als 1000 Angriffe gegen Flüchtlinge

Manchmal rede ich mit ihm, wenn ich heute an Dresden denke. Ich wende mich an den alten Klemperer, der, als er starb, auch die DDR hinter sich gelassen hatte. Das Ideologische war zu autoritär für ihn geworden. Nun, 56 Jahre nach seinem Tod, zeige ich ihm die Stadt mit ihrem Opfermythos, der jährlich Nazis und Populisten anzieht. Wir gehen an der Menschenkette vorbei und den Demonstranten von „Dresden Nazifrei“. Er liest die laschen Erklärungen des Bürgermeisters und blickt in das unsichere Gesicht des Ministerpräsidenten.

Dann geht’s zum Heidefriedhof, wo die Gleichsetzung aller Kriegsopfer auf der Welt von Nazifreunden mit Kränzen gefeiert wird. Danach zu Pegida: dort die schrillen Plakate und das Geschrei vom Untergang. Wir besuchen Flüchtlinge in lausigen Unterkünften und die vielen Helfer. Sie berichten vom gelegentlichen Aufbäumen des Hasses. Gelegentlich? Mehr als 1000 Angriffe gegen Flüchtlinge gab es im vergangenen Jahr und sie konzentrieren sich deutlich auf Sachsen.

Wenn ich an Viktor Klemperer denke, kommen mir die Schilderungen seiner Nachbarn in den Sinn: die vielen, die sich nicht um sein Martyrium als Jude scherten und unberührt ins Kino schlenderten, und die wenigen, die ihm mit Respekt begegneten. Dass er nach dem Krieg dort blieb, hat mich beeindruckt. Lange Zeit dachte ich, es wäre Naivität, dass er auch dann noch Zeuge dieser Stadt sein wollte, als er dazu nicht mehr gezwungen war. Vielleicht war es aber auch eine Art Ignoranz des Neuanfangs. Wenn ich voller Optimismus bin, weil sich heute so viele Leute gegen den Dreck der Rassistenideologie engagieren, denke ich, es waren seine Weisheit und seine Wärme, die ihn bleiben ließen. Doch an vielen Tagen voll von Hass, bleibt er mir ein Rätsel.