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Berliner Zeitung | Kommentar zu Kulturpessimismus: Angst ist in Europa ein anderes Wort für Wohlstandsneid
21. December 2015
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Kommentar zu Kulturpessimismus: Angst ist in Europa ein anderes Wort für Wohlstandsneid

Pegidademonstration am Theaterplatz in Dresden.

Pegidademonstration am Theaterplatz in Dresden.

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imago/Sven Ellger

Weihnachten gilt als die Zeit der Hoffnung. Das ist aber gar nicht so leicht. Denn wer heute mit einer guten Nachricht über die Welt kommt, gilt als Spinner. Nichts provoziert so viel Entrüstung und Häme wie Optimismus. Man hat die Welt pessimistisch zu sehen. Die Deutschen haben Angst, die Welt gerät aus den Fugen; überall Krieg, Terror und alles Schlimme wird immer schlimmer. Dieser Zeitgeist spukt von allen Seiten gleichzeitig.

Die Nachrichten berichten über weltweite Katastrophen, politische Kungeleien, in der Freund und Feind nicht mehr zu unterscheiden sind – alles wirkt unübersichtlich, suspekt und widersprüchlich. Das ist einer der Gründe für den völkischen Schrei nach Eindeutigkeit.

Extreme ernähren sich vom Pessimismus

Die Rechtsextremen und etwas weniger Extremen von AfD oder Pegida ernähren sich vom Pessimismus, und sie brauchen die Angst als Treibstoff. Denn Pessimismus und Angst sind letztlich nichts anderes als Missachtung und Wut. Mit dem Pessimismus verwandelt sich jeder Blick auf das Machbare in der Demokratie zu einer höhnischen Fratze. Und Angst ist im weißen, reichen und friedlichen Europa nur ein anderes Wort für Wohlstandsneid.

Doch dieser Pessimismus ist längst kein Phänomen der Rechten allein; auch die Linke zelebriert ihn. Die Kritik an Kapitalismus, Globalisierung und den USA als der Ort des Übels schlechthin, lässt keine Hoffnung zu. Die Ideologie der Fundamentalkritik reproduziert die immer gleichen Bilder über Opfer und Täter. Amerikanisches Finanzkapital ist böse (und meist jüdisch) und damit auch die Demokratie. Freiheitskämpfer dagegen sind gut, ganz gleich, ob der eine Frauen steinigt und der andere Schwulenrechte einfordert, solange sie sich nur gegen den vermeintlichen Imperialismus richten.

Im Zweifelsfall sind beide Opfer des „Systems“. Kaltherzige Gleichgültigkeit ist es, die hier nicht zu unterscheiden bereit ist. Sich so als Gegensatz zum anti-westlichen Feindbild zu definieren, bedeutet auf Emanzipation und Menschenrechte im echten Leben keinen Pfifferling zu geben. Den Rechten ist ohnehin zu viel Emanzipation in der Welt, und die Linken empfinden Fortschritt als Anpassung an das neoliberale Ganze. Also sind am Ende beiden die Bedürfnisse jener Menschen vollkommen wurscht, die für ihre individuellen Freiheitsrechte kämpfen. Vor allem, wenn sie außerhalb Europas leben.

Fanatiker haben Angst vor Fortschritt

Kulturpessimismus ist ignorant, weil noch niemals zuvor in der globalen Menschheitsgeschichte so viele an Freiheit, Fortschritt und Wohlstand partizipieren konnten. Dieses Beispiel macht den anti-emanzipatorischen Fanatikern Angst, besonders im Nahen Osten. Deshalb führen der IS und andere Krieg. Gering zu schätzen, was die Demokratie erreicht hat, ist nicht nur populistisch, sondern auch rassistisch.

Was unsere Kulturpessimisten gering schätzen, wollen die Flüchtlinge unbedingt. Sie fliehen vor Unfreiheit und Unterdrückung. Sie fliehen vor den blutigen Rückzugsgefechten der Anti-Modernen. Sie akzeptieren nicht mehr, dass dies alles angeblich zu ihrer Folklore gehört. Sie wollen nicht mehr dulden. Sie wollen etwas unternehmen und Teil der Moderne sein. Und das ist, bei aller notwendigen Kritik am Zustand der Welt und der Demokratie, eine gute Nachricht. Es gibt also Grund zu Optimismus. Frohe Weihnachten!


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