blz_logo12,9

Kommentar zu Snowden: Liest Patrick Sensburg keine Zeitung?

Edward Snowden sprach im Gespräch mit dem NDR von deutlichen Drohungen durch US-Behörden.

Edward Snowden sprach im Gespräch mit dem NDR von deutlichen Drohungen durch US-Behörden.

Foto:

AP/dpa

Deutschland und die Welt haben Edward Snowden viel zu verdanken. Ohne ihn wüsste bis heute kein Mensch, dass jeder Mensch vom US-amerikanischen Geheimdienst NSA ausgeforscht werden kann. Ohne ihn wüsste niemand, dass alle Telefonate und Bewegungen im Internet der Bürger eines Landes abgehört und kontrolliert werden können.

Ohne ihn wäre auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht bekannt, dass sie zu den bevorzugten Ausspähungsopfern des Nachrichtendienstes gehört. Und ohne ihn hätte weder die Welt noch Deutschland jemals davon erfahren, dass 122 Staats- und Regierungschefs der 193 Staaten der Erde vom US-Geheimdienst überwacht und allein über die Bundeskanzlerin 300 Berichte gespeichert werden. Das war die jüngste Information des ehemaligen Geheimdienst-Mitarbeiters, und sie hat – wie schnell sich doch Deutschland und die Welt an eine vor Monaten noch unvorstellbare Wirklichkeit zu gewöhnen scheinen – nur noch eine, allerdings verblüffende Äußerung eines CDU-Politikers hervorgerufen.

Patrick Sensburg wird als Obmann seiner Fraktion dem Bundestags-Untersuchungsausschuss angehören, der ab Donnerstag Licht ins Dunkel der NSA-Überwachung bringen soll. Nachdem er von den neuesten Mittelungen Snowdens erfahren hatte, sprach Sensburg: „Da muss irgendwie Fleisch an den Knochen. Snowden ist hier in der Lieferpflicht.“ Es stellt sich die Frage: Hat Sensburg Humor oder liest er nur keine Zeitung?

Weiß er nicht, dass Snowden die Welt mit Nachrichten über ihre Kontrolleure beliefert hat wie noch kein Mensch vor ihm, ist ihm entgangen, dass fast alles, was die Welt von „big data“ weiß, sie nur dank Snowden weiß, der dafür von den US-Behörden gejagt wird wie ein Verbrecher und ausgerechnet beim russischen Autokraten Putin Schutz suchen musste?

Eine Lieferpflicht hat für Snowden nie bestanden, aber er hat unter Einsatz seiner bürgerlichen Existenz im Übermaß geliefert. Eine Lieferpflicht aus Dank und Anerkennung besteht hingegen für Deutschland und die Welt gegenüber Snowden. Aber auf dankbare Asylangebote wartet der Mann bis heute vergebens, und Anerkennung findet seine Leistung allenfalls in Leitartikeln. Wer von dieser Lieferpflicht nichts hören will, muss von der Lieferpflicht Snowdens schweigen.