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Kommentar zum Bürgerkrieg in Syrien : Assad, Rebellen und Fluchtgründe

Ein Flüchtlingslager in Suruc nahe der türkisch-syrischen Grenze. Mehr als 2,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien hat die Türkei aufgenommen.

Ein Flüchtlingslager in Suruc nahe der türkisch-syrischen Grenze. Mehr als 2,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien hat die Türkei aufgenommen.

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REUTERS/Kai Pfaffenbach

Lüge und Statistik können nahe beieinanderliegen. Dafür lieferte vergangene Woche eine vielfach zitierte Umfrage unter knapp 900 syrischen Flüchtlingen ein Beispiel. Vor deutschen Massenunterkünften hatte eine Gruppe, die sich Adopt a Revolution nennt, zufällig ausgewählte Flüchtlinge befragt und als Ergebnis mitgeteilt: 69,5 Prozent der Befragten seien vor dem Assad-Regime und dessen Verbündeten geflohen. Schaut man jedoch genau auf die Daten, erkennt man schnell, dass deutlich mehr (82,2 Prozent) der Befragten angaben, sie seien vor den verschiedenen Milizen der Aufständischen geflohen.

In der Erhebung werden die Rebellengruppen einzeln aufgeführt – zusammengenommen bilden sie 82,2 Prozent. Weil die Befragten jeweils mehrere Fluchtgründe angeben konnten, ergibt die Summe aller konkreten Antworten nicht 100 Prozent, wie der schnelle Leser meinen könnte, sondern 151,7 Prozent. Daraus werden 178 Prozent, sofern man die Befragten miteinbezieht, die mit „ich weiß nicht“ antworteten. Letztere machen 16,3 Prozent der knapp 900 Befragten aus. Das sind etwa 145 Personen. Bleiben rund 750 Personen, die angaben, welche Parteien ihrer Meinung nach für den Bürgerkrieg verantwortlich seien.

Da ich das Urmaterial nicht kenne, unterstelle ich, dass fast alle, die Mehrfachantworten gaben, jeweils zwei Bürgerkriegsparteien als Schuldige bezeichneten. Demnach hätte die Hälfte (375 Personen) je nach geografischer Herkunft die Regierungstruppen und eine oppositionelle Miliz genannt. Bleiben 375 Personen, die sagten, die akute Lebensbedrohung sei von nur einer Konfliktpartei ausgegangen. Bestimmt gaben längst nicht alle dem Assad-Regime die Schuld an der aktuellen Lage. Anders als die Initiatoren der Studie einer unkritischen Öffentlichkeit weismachen wollen, flohen nicht fast 70 Prozent der Befragten allein wegen des Assad-Regimes aus Syrien, sondern allenfalls 20 Prozent. Etwa ebenso viele wiesen die Schuld allein den Rebellengruppen zu. Aber bis zu 60 Prozent aller Befragten erklärten, dass sowohl die Regierung als auch Gruppen der Aufständischen die himmelschreienden, zur Flucht zwingenden Zustände in ihrer Heimat verursachten. Dass deutsche Medien (Spiegel, FAZ, Anne Will usw.) die verzerrte Statistik nachgebetet haben, sagt einiges: Entweder sind die dafür verantwortlichen Journalisten unwillig, Statistiken zu prüfen, oder sie verstehen sich als Propagandisten, denen Details gleichgültig sind. Abgesehen von der Interpretation der Daten gilt es zu bedenken, dass Flüchtlinge, die in Deutschland Asyl suchen, ganz überwiegend wissen, welche Antworten opportun sind und welche nicht.

Verständig gelesen ergibt die Untersuchung, dass die Mehrzahl der Befragten alle Bürgerkriegsparteien für schuldig hält. Weil die Rebellen nicht entfernt über ein gemeinsames Ziel verfügen, ist die Gefahr groß, dass Syrien völlig zerfällt und sich Zustände verfestigen, wie sie hierzulande im Dreißigjährigen Krieg herrschten. Mir erscheint es notwendig, auch mit der Regierung Assad zu verhandeln. Womöglich denken auch viele Flüchtlinge so. Die zitierte Befragung widerlegt das nicht.