blz_logo12,9
Berliner Zeitung | Kommentar zum Essen in der Schule: Alle Kinder brauchen eine warme Schulmahlzeit
15. January 2016
http://www.berliner-zeitung.de/23434278
©

Kommentar zum Essen in der Schule: Alle Kinder brauchen eine warme Schulmahlzeit

Ein warmes Essen kostet Eltern, die Sozialleistungen beziehen, nur einen Euro. Dennoch wird oft nicht gezahlt. Das hat Auswirkungen für die Kinder.

Ein warmes Essen kostet Eltern, die Sozialleistungen beziehen, nur einen Euro. Dennoch wird oft nicht gezahlt. Das hat Auswirkungen für die Kinder.

Foto:

imago/GlobalImagens

Jeden Mittag kommt es an Berliner Grundschulen zu nicht hinnehmbaren Szenen. Anders als ihre Mitschüler erhalten einige Jungen und Mädchen dann kein Mittagessen. Diese Kinder stehen auf sogenannten Sperrlisten, weil ihre Eltern den Essensbeitrag nicht bezahlt haben. Wohlgemerkt: Empfänger von Sozialhilfe müssen einen Euro pro Mahlzeit aufbringen – doch das bleibt in nicht wenigen Fällen aus. Mit schlimmen Folgen. Die betroffenen Kinder werden auf diese Weise bereits von frühauf stigmatisiert und vor den Augen der Mitschüler ausgegrenzt. Sie sitzen ohne Teller da, während die anderen essen.

#image
Das dürfte diese Kinder außerordentlich belasten. Und es widerspricht zeitgemäßen pädagogischen Ansprüchen ebenso wie dem Bildungsauftrag der Schule. Denn das gemeinsame Mittagessen hat ja auch einen kulturellen und einen pädagogischen Wert. Manche Kinder in harten Berliner Kiezen erfahren erst bei der Schulspeisung, wie Brokkoli schmeckt und wie Kohlrabi tatsächlich aussieht. Erleben, dass es nicht immer Nudelbox oder Burger sein muss.

Schulgeld als Sachleistung auf die Sozialhilfe anrechnen

Damit hier nicht schon Erstklässler unnötig leiden, müssen die Eltern zunächst einmal ihrer Verantwortung gerecht werden. Auch wenn sie nur über wenig Geld verfügen und womöglich noch einige Geschwisterkinder zu versorgen haben. Wer nicht für die Nahrung seines Nachwuchses sorgt oder eben dafür zahlt, gefährdet das Kindeswohl. Das muss diesen Eltern unmissverständlich klargemacht werden. Im Sinne der Schüler wäre es deshalb wohl sinnvoll, das Schulgeld als Sachleistung auf die Sozialhilfe anzurechnen. Dann können die Eltern es nicht einfach für andere Zwecke ausgeben. Rechtlich wäre das möglich.

In die Zukunft gerichtet, stellt sich aber die Frage, wieso das Schulessen für Eltern überhaupt etwas kosten soll. Es gibt immer mehr Ganztagsschulen, an denen die Schüler zwingend bis 16 Uhr vor Ort sind. Da gehört ein gemeinsames Mittagessen genauso dazu wie der Deutschunterricht oder die kurze Pause. Zumal Essen ja auch so etwas wie ein Lernmittel ist, gerade in Zeiten, in denen immer mehr Flüchtlingskinder Willkommensklassen besuchen. Das Problem dabei bleibt nur, dass alles, was kostenlos ist, nicht in dem Maße wertgeschätzt wird wie etwas, das einen Preis hat.