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Kommentar zum Holocaust-Gedenktag: Wer mordete im KZ Auschwitz?

Tor zur Gedenkstätte Auschwitz: Zehntausende Häftlinge starben durch Zwangsarbeit.

Tor zur Gedenkstätte Auschwitz: Zehntausende Häftlinge starben durch Zwangsarbeit.

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dpa

Heute, am 27. Januar, begehen wir den Tag zum Gedenken an die Befreiung von Auschwitz. In der DDR waren es „die Faschisten“, die das Todeslager betrieben und an den Fäden „des Monopolkapitals“ hingen. In der alten Bundesrepublik schob man die Verantwortung auf „die SS-Schergen“, „den Diktator“ oder „das NS-Regime“. Die übergroße Mehrheit der Deutschen stand ja, hätte sie aufgemuckt, „mit einem Bein im KZ“ – so die beliebteste Ausrede.

Gegenwärtig schwatzen Journalisten, Historiker und Politiker einhellig davon, es seien „die Nationalsozialisten“ gewesen. Das geschieht in einem Ton, als handele es sich um Marsmenschen, die keiner kennt. All diese Kollektivbegriffe schaffen Distanz, schieben die Schuld an Krieg, Zerstörung und Massenmord auf nicht mehr existente Personen, Gruppen, Institutionen und politische Programme, die uns fremd sind. Wer ist schon mit einem Rassenantisemiten, Ideologen, Diktator oder Monopolkapitalisten verwandt oder verschwägert?

Die Wirklichkeit war anders. Auf Drängen Himmlers ordnete Hitler am 9. Mai 1944 an, 10.000 Soldaten und Offiziere aus den gerade von der Krim abgezogenen Truppen zum KZ-Wachdienst abzugeben. 1945 stammten mehr als die Hälfte der etwa 40.000 KZ-Wachmänner aus der Wehrmacht. Sie waren durch Zufall und ausdrücklich „zur Erholung“ zum KZ-Dienst abgestellt worden – und funktionierten.

Sätze, die einem die Sprache verschlagen

Im Fall des mörderischen KZ-Frauenlagers in Hessisch-Lichtenau wurden im Juni 1944 die Bürgermeister der umliegenden Gemeinden auf mögliches Personal angesprochen. Die dortigen Arbeitsämter gewannen daraufhin 40 Frauen, die vom 16. Juli bis zum 3. August im KZ Ravensbrück einen Schnellkurs für den Dienst als KZ-Aufseherinnen absolvierten. Im KZ-Außenlager Stadtallendorf wurden leistungsschwache vollarische Fabrikarbeiterinnen und überflüssige Angestellte zu Aufseherinnen weitergebildet.

Rudolf Höß, der Kommandant von Auschwitz, bemerkte dazu, dass „die Firmen nicht das beste Material abgaben“. Zuvor, 1941/42, gerieten vor allem frisch umgesiedelte, von niemandem zuvor indoktrinierte volksdeutsche Männer aus Bessarabien, aus der Bukowina oder aus Wolhynien in den KZ-Dienst, und das aus einem einfachen Grund: Sie waren die Einzigen, die auf dem angespannten Arbeitsmarkt zur Verfügung standen.

Ein Leser dieser Zeitung schickte mir Feldpostbriefe seines Vaters an seine Mutter, die Sätze enthielten, die ihm die Sprache verschlugen. 1942 schrieb der Vater: „Der Krieg ist nun hart und man muss auch hart werden. Ich bin erst so richtig zum Judenfeind in Polen geworden, denn hier sieht man die richtigen dreckigen Typen.“ Anschließend schilderte dieser einfache Soldat zustimmend, wie Juden verhungerten, wie er an frischen Massengräbern vorbeimarschierte und „aufgedunsene jüdische Kinderleichen“ sah. Das ging der Adressatin zu weit. Sie antwortete: „… aber dass wir die Juden auf solche grausame Art und Weise umkommen lassen, finde ich nicht richtig. Dann sollen sie ihnen Spritzen geben, wie sie es mit den Nervenkranken machen.“ Was so alles auf deutschen Dachböden schlummert!

Wer präzise beschreiben will, was in Auschwitz geschah, muss um der Wahrheit willen sagen: Dort ermordeten Deutsche eine Million Menschen.



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