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Berliner Zeitung | Kommentar zum Humboldt-Forum: Der Abschied von Manfred Rettig ist keine Tragödie
24. January 2016
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Kommentar zum Humboldt-Forum: Der Abschied von Manfred Rettig ist keine Tragödie

Baustelle Homboldt-Forum.

Baustelle Homboldt-Forum.

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imago/Rolf Zöllner

Hat mit dem abrupten Abgang des bisherigen Chefs der Stiftung Berliner Schloss eine Tragödie begonnen? Wer sich die Reaktionen auf Manfred Rettigs Abschied ansieht, könnte das Gefühl bekommen, seine Entscheidung sei für das Schloss-Projekt so verheerend wie die Pannen beim Berlin-Brandenburger Flughafendesaster oder das Chaos bei der Hamburger Elbphilharmonie.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Eva Högl befürchtet „Verzögerungen“ und „Verteuerungen“. Rettig wiederum betont, dass er „ein Zeichen“ setzen wolle: Die Nutzer sollten sich hüten, das Projekt noch irgendwie zu verändern. Und in den betroffenen Institutionen ist ganz offen von seiner „Fahnenflucht“ die Rede, zumal unmittelbar nach der Rücktrittsankündigung öffentlich wurde, dass schon jetzt die Notfallfonds des Bauetats angegriffen werden mussten – die Kosten also über die bisherigen Annahmen gestiegen sind.

Politische Argumente

Aber „Verzögerungen“ bei einem solchen Großprojekt können sehr viele Gründe haben. Sie reichen von Fehlplanung über schiere Inkompetenz, neue Anforderungen der Nutzer, steigende Baukosten bis zu durchaus sinnvollen Umplanungen, die die Funktionen verbessern und damit Geld sparen. Die Warnung Högls oder Rettigs vor „Verzögerung“ ist also ein politisches Argument. Es soll die längst überfällige Debatte verhindern, ob das Projekt so, wie es nun als Rohbau vor uns steht, wirklich ökonomisch und funktional dem entspricht, was notwendig wäre. Bisher nämlich wurden die Anforderungen der Staatlichen Museen, der Bibliotheken oder der Stadt Berlin systematisch von Rettig zurückgedrängt. Relevant waren einzig die für die weitere Öffentlichkeit und damit die Politiker wichtigen Themen Termin- und Etateinhaltung sowie der Nachbau der barocken Fassaden. Um dafür die Gelder einzusparen, zwang Rettig die Nutzer und den Architekten etwa, den Spreeflügel viel schmaler zu machen.

Zwar konnten die Museen für einige ihrer Großobjekte zwei ausreichend hohe Säle durchsetzen – allerdings mit der Folge, dass nun Sonderausstellungsräume fehlen. Ins erste Geschoss soll, weil das einmal so geplant wurde, eine nur Wissenschaftlern zugängliche Ethnologische Bibliothek einziehen, obwohl das Pendant, die öffentliche Bibliothek, entfallen ist; dafür muss man zu den erlesenen Berliner Sammlungen asiatischer Kunst ins oberste Geschoss fahren – um nur einige Fehlplanungen zu benennen.

Es sei auch daran erinnert: Der Finanzplan für das Humboldt-Forum hat nichts, überhaupt gar nichts mit dem realen Projekt als Museums-, Bibliotheks- und Veranstaltungshaus zu tun. Die derzeit heiliggesprochene Zahl von 590 Millionen ist ausschließlich politisch festgelegt worden: Der Bundestag wollte keine Summe beschließen, die irgendwie an eine halbe Milliarde Euro heranreicht. Also wurden 478 Millionen festgelegt. Der Schlossbauverein Wilhelm von Boddiens verpflichtet sich, Spenden von 80 Millionen Euro für die Fassadennachbauten einzusammeln.

Dazu kommen 32 Millionen von dem eigentlich eher skeptischen Land Berlin – das Projekt sollte nicht als reines Geschenk des Bundes an die Hauptstadt erscheinen.

Realistische Betrachtung ist jetzt möglich

Fachleute haben schon um 2009 angekündigt, dass ein so großer Bau mit diesen Funktionen realistisch etwa 750 Millionen Euro kosten wird. Aber so eine Zahl war damals politisch nicht durchsetzbar. Jetzt, nach dem Rücktritt von Rettig, ist endlich eine realistische Betrachtung möglich, auch deswegen, weil sich die Machtverhältnisse grundlegend geändert haben: Bisher regierte Rettig als Alleinherrscher über das Projekt, agierte mit dem Termin- und Kostenargument.

Jetzt aber ist durch die Berufung des unabhängigen Neil MacGregor und seiner offensichtlichen Unterstützung durch Monika Grütters erstmals die Nutzerseite so stark im Planungsprozess geworden, wie sie es immer hätte sein sollen. Sicher kann es keinen grundlegenden Neuanfang geben. Dazu ist zu viel Beton gegossen worden. Aber es können Korrekturen im Detail stattfinden: der Herausriss der inzwischen unsinnigen Bibliothekseinbauten, die Neuverteilung von Ausstellungsräumen etwa.

Sicher muss ein bautechnisch fähiger Nachfolger für Rettig gefunden werden, der politisch das Gleichgewicht zu den Nutzern herstellen kann. Gutes Bauen braucht immer starke Bauherren und starke Bauleute. Doch die Sturheit, auf einem rein politisch festgelegten Kosten- und Zeitrahmen zu bestehen, der keinen sachlichen Sinn hat, die sollten wir uns nicht mehr leisten.


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