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Kommentar zum Russland-Aufruf: Der Krieg ist bereits da

Auch Altkanzler Gerhard Schröder unterstützt den Aufruf zur Besonnenheit gegenüber Russland.

Auch Altkanzler Gerhard Schröder unterstützt den Aufruf zur Besonnenheit gegenüber Russland.

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imago/BildFunkMV

Die Sorge um den Frieden ist ein hehres Motiv. Da möchte niemand widersprechen. Was soll man auch dagegen sagen, wenn 60 Alt-Politiker, Manager und Künstler zur Besonnenheit angesichts der bedrohlichen Lage in der Ukraine mahnen? In der Bevölkerung findet das Zuspruch. Umso kritischer fällt das Urteil von Experten aus. Das ist symptomatisch: Während die deutsche Öffentlichkeit erstaunlich viel Verständnis für Russlands Politik zeigt und inzwischen selbst den Gazprom-Lobbyisten Schröder als Kronzeugen akzeptiert, wächst unter den Osteuropa-Kennern die Frustration über Putins verstörende Volten.

In dieser komplexen Situation muss man von Intellektuellen mehr erwarten als rein moralische Appelle und ein Denken in geopolitischen Einflusssphären. Das fängt bei der Analyse an: „Niemand will Krieg“, heißt es im Text. Tatsächlich ist der Krieg in der Ukraine mit mehreren tausend Toten längst da. Zumindest irritierend ist, wenn die Ost-Ausdehnung der EU mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim gleichgesetzt wird. Dass die Ukraine und Georgien 2008 in die Nato eingeladen wurden, ist schlicht falsch.

Im Gegenteil lehnte das Bündnis die Aufnahme ab – auch auf Druck Deutschlands. Das führt zur wichtigen Frage, an wen sich der Aufruf eigentlich wendet. Mangelnde Gesprächsbemühungen wird man zumindest Außenminister Steinmeier kaum vorwerfen können. Putins Antwort freilich bestand meist aus Waffen und Propaganda.