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Kommentar zum Sexismus in Brasilien: „Ich verdiene es nicht, vergewaltigt zu werden“

"Ich verdiene es nicht, vergewaltigt zu werden", hat sich die brasilianische Journalistin Nana Queiroz auf die Arme geschrieben.

"Ich verdiene es nicht, vergewaltigt zu werden", hat sich die brasilianische Journalistin Nana Queiroz auf die Arme geschrieben.

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Nana Queiroz

In der vergangenen Woche wurde in Brasilien eine Studie veröffentlicht. Darin geht es um die Frage, wie Gewalt gegen Frauen öffentlich wahrgenommen wird. Seitdem ich die Ergebnisse kenne, habe ich Angst.

Dass es in meinem Heimatland so viele Vergewaltigungen gibt, konnte ich mir schon vorstellen - als Journalistin erzähle ich immerhin jeden Tag vom Schicksal anderer Menschen. Aber ich wusste nicht, dass unsere Gesellschaft so dermaßen sexistisch über Frauen denkt. Und darüber mache ich mir große Sorgen.

Obwohl sich in den letzten Jahren viele Initiativen gegen das Problem gegründet haben - etwa der Slutwalk, der unter anderem in Berlin und Brasília stattfand - gibt es immer noch jährlich etwa 527.000 Vergewaltigung in Brasilien. Um die Ursachen zu verstehen, wurde die aktuelle Umfrage durchgeführt.

Und die Antwort sagt sehr viel (Beschämendes) über die brasilianische Gesellschaft aus: 65 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass Frauen, die knappe Kleidung tragen, es verdienen, angegriffen zu werden. Und 58 Prozent denken, wenn die Frauen wüssten, wie man sich richtig verhält, würde es auch nicht so viel Vergewaltigungen geben.

Was für eine Schande für mein Land! Wie kann Brasilien so widersprüchlich und unfair sein? Wie kann es weniger als einen Monat nach seiner liberalsten Party, dem Karneval, so hinterwäldlerisch sein? Was ist nur mit den hart erkämpften Rechten der Frauen passiert?

Ich verstehe das alles nicht. Ich verstehe auch die Menschen nicht, die die nichts zu der Frage zu sagen haben (36 Prozent der Befragten). Und weil sie genauso wütend und fassungslos war, hat die brasilianische Journalistin Nana Queiroz eine Protestaktion bei Facebook gestartet.

Sie postete ein Foto von sich, auf dem sie, ähnlich wie die Femen-Aktivistinnen, mit nacktem Oberkörper zu sehen ist. Ihre Brüste verbirgt sie allerdings hinter ihren Armen, auf die sie ihr Motto in portugiesischer Sprache geschrieben hat: "Não mereço ser estuprada" (zu deutsch: "Ich verdiene es nicht, vergewaltigt zu werden").

Daraufhin gab es bei Twitter unter dem Hashtag #eunãomereçoserestuprada eine Welle der Solidarisierung. In nur wenigen Tagen haben dutzende Frauen, aber auch viele Männer ähnliche Selfies von sich im Internet veröffentlicht. Inzwischen gibt es schon mehr als 50 entsprechende Bilder - auch berühmte Schauspieler und Musiker machten mit.

Das Thema gewinnt international an Bedeutung und ich hoffe, dass die Diskussion weitergeht - denn eine ungesunde Denkweise braucht Zeit, um verändert zu werden.

Das Land der Freundlichkeit, auf das ich früher oft so stolz war, ist mir im Moment nur noch peinlich. Vergewaltigung ist immer ein Verbrechen, egal unter welchen Umständen es geschieht. Und das Opfer wird nie - und mit dieser Überzeugung werde ich sterben - schuld sein.

Ein knappes Outfit oder Nacktheit kann keine Vergewaltigung auslösen. Das kann nur der Vergewaltiger selbst - und eine Gesellschaft, die ihn mit rückwärts gewandten Ansichten unterstützt.

Brasilien, ein Land der Zukunft? Nur wenn die Zukunft noch ganz weit weg ist. Im Jetzt und Hier ist es das Land der Angst. 



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