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Berliner Zeitung | Kommentar zum Start der Berlinale: Das Lied vom Tod des Kinos
10. February 2016
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Kommentar zum Start der Berlinale: Das Lied vom Tod des Kinos

Menschen gehen am Logo der Berlinale vorbei.

Menschen gehen am Logo der Berlinale vorbei.

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REUTERS

Quentin Tarantino mag nicht mehr. Steven Soderbergh auch nicht, und Steven Spielberg und George Lucas glauben nicht mehr an Hollywood. Letztere finden die Lage darum so unerträglich, weil Hollywood sich abhängig macht vom Erfolg seiner Mega-Produktionen. Scheitern davon in einer Saison zwei, dann bedeutet dies das Ende für die entsprechenden Filmproduktionsfirmen. „Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“ Der Satz stimmt, denn die, die mal betrieben, was sie heute kritisieren, die wissen am besten, wovon sie reden.

Wer Tarantinos Abgesang aufs Kino liest, der spürt dessen Befürchtung, dass er an Tempo und Durchschlagskraft verlieren könnte. Schockieren, so erklärt er, könne er heute niemanden mehr. Er hat sich ein großes Publikum herangezogen, das ihn versteht. Es geht ihm ein wenig wie den Grünen. Je größer ihr Erfolg ist, desto überflüssiger werden sie. Quentin Tarantino hat noch ein anderes Problem: „Schon die Vorstellung, dass sich jemand meine Filme auf dem Telefon anguckt, macht mich fertig.“ Er macht Filme für die große Leinwand. Es bleibt nichts übrig von ihnen, wenn man sie sich auf einem Display mit maximal 14 Zentimetern Bildschirmdiagonale anschaut.

Der Anteil derer, die Filme in erster Linie auf dem iPhone schauen, wächst monatlich. Das hat nicht nur rabiate Folgen für die Finanzierungsmöglichkeiten von Filmen – fast gleichgültig, ob sie als Kino- oder Fernsehfilme produziert wurden –, sondern auch fatale Folgen für die Ästhetik. Die Veränderungen ergreifen heute die gesamte Nahrungskette der Filmindustrie. Darum trifft der Hinweis nicht, dass das Kino ja schon seit Jahrzehnten totgesagt wird und noch jedes Mal wieder aus dem Grab auferstand. Das waren Zusammenbrüche einzelner Abschnitte des Produktions- oder Konsumtionsprozesses.

„Wann kommt in diesem Eisladen endlich der Film?!“

Und die Oper? Die überlebt ihren Tod seit Jahrhunderten. Warum soll das dem Film nicht gelingen? Die Oper wurde immer subventioniert. Mal als Hof-, mal als Staatstheater. Der Film dagegen war am Anfang ein Geschäftsmodell, eine Massenunterhaltung auf Jahrmärkten. Es dauerte eine Weile, bis schlaue Köpfe gerade darin eine neue Kunstform erblickten. Dann kamen Künstler und machten aus Kino eine Kunst. Für die war es immer wieder eng im Filmgeschäft. Dagegen wurden fast ebenso häufig Aufstände angezettelt mit dem Motto „Papas Kino ist tot!“

Jetzt aber stehen keine jungen Regisseure mehr da, die die Papas verdrängen und an deren Stelle die eigenen Filme in die Kinos bringen möchten. Jedem ist klar, dass immer weniger Menschen noch ins Kino gehen werden, um sich einen Film anzusehen. Es ist vierzig Jahre her, dass ich in einem Kino in Frankfurt am Main den Ruf hörte: „Wann kommt in diesem Eisladen endlich der Film?!“ Damals kam nach der Werbung für die zukünftigen Filme eine Eisverkäuferin in die damals noch riesigen Säle und bot „das kleine, rassige Vergnügen“ von Langnese an. Je mehr Leute kauften, desto länger musste der Rest des Publikums auf die Vorstellung warten.

Das wird heute alles rationeller gemacht. In den großen Kinos, die es immer noch gibt, wird ein wachsender Teil des Umsatzes mit Popcorn und Konsorten erzielt. Das heißt, selbst im Kino sinkt die Bedeutung des Films. Denkt man daran, wie viele T-Shirts, Spiele etc. zu einem Blockbuster verkauft werden, dann bekommt man den Eindruck, der Film ist nur noch die Leimrute, die von cleveren Geschäftsleuten ausgelegt wird, um Konsumenten festzuhalten, damit sie ganz andere Produkte kaufen.

Man will uns weismachen, die riesigen Aufwendungen der Filmindustrie für das Marketing hätten etwas damit zu tun, dass es um die „Promotion“ neuer Produkte ginge. Das ist nicht wahr. Wären die Produkte wirklich neu, könnten man sich sehr viel PR sparen. In Wahrheit handelt es sich um Variationen von Variationen desselben Produkts auf einem immer kleiner werdenden Markt. Wer da wachsen will, muss seine Marktanteile erhöhen.

Wenn keine technische Innovation in Sicht ist, jedenfalls keine, die die Kinos wieder über Jahre füllt, wenn auch künstlerisch keine „Nouvelle Vague“ sich andeutet, mit der bei geringem Kapitaleinsatz höchste Renditen zu erzielen wären, dann schlägt die Stunde des Marketing. Darauf setzt der, der weiß, dass aus dem Produkt sich kein Gold mehr schlagen lässt. Er kann aber nur das. Darum kämpft er gegen die anderen, die auch nur das können um ein wenig mehr Marktanteil. Das verschafft ihm einen Aufschub. Die Fröhlichkeit während der Berlinale wird also etwas vom Pfeifen im Wald haben.


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