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Kommentar zum Umgang mit Konflikten: Die Aufregung über Köln ist mit Rassismus unterlegt

Teilnehmer eine Demonstration "Syrische Flüchtlinge sagen Nein zu den Übergriffen von Köln!" am 16. Januar.

Teilnehmer eine Demonstration "Syrische Flüchtlinge sagen Nein zu den Übergriffen von Köln!" am 16. Januar.

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dpa

Die Stimmung der letzten Tage ist aufgeheizt. Seit den Ereignissen von Köln hat man den Eindruck, als zerplatze das Land in tausend Stücke. Im Osten werden die Angriffe auf Flüchtlinge schlimmer, der Hass heißer, die Nazis frecher und die Rassisten von der AfD dreister. Im Westen schrillen alle Alarmglocken ob der hartumkämpften Frauenrechte. Die Flüchtlinge sind an allem schuld oder „solche wie sie“. Hysterisches Verteidigen, bissiges Um-sich-Schlagen.

Die Linke Sahra Wagenknecht spricht wie eine Kolonialherrin von „verwirktem Gastrecht“. Der Rechtsstaat solle, geht es nach anderen Politikern, außer Funktion gesetzt werden, wenn es um „Ausländer“ geht. Feministinnen sehen in den Kerlen von Köln vor allem Opfer von Rassismus und Kapitalismus, die irgendwie nichts für ihre Sexualstraftaten können. Waren die Täter Migranten oder Flüchtlinge? Ja. Ist es schlimm, was dort geschah? Ja klar! Hat das mit den Herkunftskulturen zu tun? Ja. Mit der „nordafrikanischen“? Auch in Bayern, Kuba oder Japan kann eine Fahrt in einem voll besetzten Bus für Frauen unangenehm werden. Köln hat ein Problem aufgeworfen, aber sind alle Flüchtlinge so? Nein! Sind die Biodeutschen frei von Sexismus? Nein. Ist die Aufregung über Köln mit Rassismus unterlegt? Aber ja!

Generelle Antworten sind selten

Deutschland hat sich schon immer mit Konflikten schwergetan: aushalten, dass Dinge gleichzeitig passieren, dass es Erfolgsgeschichten gibt und Versagen. Dass es nur selten generelle Antworten gibt, sondern konkrete Situationen, zu denen man sich jeweils verhalten kann. Und dass Heuchelei durch nichts gerechtfertigt ist. Die Flüchtlinge bringen diese alte Krankheit wieder ans Tageslicht. Die eigenen Vorurteile auf andere zu übertragen, ist immer feige und verlogen. Sexismus bei Migranten zu sehen, den eigenen jedoch für eine Tugend zu halten, vergiftet jede Moral.

Frauen in Deutschland werden vor allem von Deutschen bedrängt, geschlagen und diskriminiert. Ähnlich ist es beim Antisemitismus: Muslime können in ihrem Antisemitismus sehr harsch sein. Vom importierten Antisemitismus zu sprechen, selbst jedoch Nazigewalt zu verharmlosen, Israelhasser zu hofieren oder antisemitische Drohungen zu belächeln, das ist perfide. Ein Landrat karrt Menschen nach Berlin, um ihnen klar zu machen, dass sie unerwünscht sind und um es der Merkel mal richtig zu zeigen. Egal, ob sie Flüchtlinge sind oder nicht, egal, ob sie jemals in Köln waren – dieses Niveau der Diskussion nenne ich „Kindergarten, mittlere Gruppe“. Das tut man nicht, wenn man schon groß ist und sich die Schuhe alleine zubinden kann.

Konfliktunfähigkeit schränkt die Freiheit ein, weil so hinter jeder Auseinandersetzung der Schrei nach einer totalen Lösung lauert. Die gibt es aber in der Demokratie nicht. Generalisieren zwingt in ideologische Bindungen, die niemals auf alle Lebenslagen zutreffen können. Wer gegen Nazis ist, muss die Straftäter von Köln noch lange nicht entschuldigen. Wer sich über die Vorgänge in Köln empört, muss nicht gleich alle Flüchtlinge zu Kriminellen erklären. Streiten ist wichtig, und es ist besser, als Konflikte unter der Decke zu halten. Erwachsen streiten, mit Konflikten leben, auch wenn sie nicht gleich gelöst werden können, das braucht Deutschland. Sich zoffen geht klar, aber dabei – wie der Kölner sagt – „Mensch bleiben“.