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Kommentar zur Balkan-Konferenz: Europa vernachlässigt den Balkan

Angela Merkel (r.) begrüßt Vjekoslav Bevanda, den Premierminister von Bosnien-Herzegowina.

Angela Merkel (r.) begrüßt Vjekoslav Bevanda, den Premierminister von Bosnien-Herzegowina.

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AFP

Man muss den Völkern des Rest-Balkan ab und zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind, dass man sie in der EU dabei haben will: Das war der erklärte Sinn der merkwürdigen Konferenz, zu der Kanzlerin Angela Merkel die Regierungschefs, Außen- und Wirtschaftsminister von nicht weniger als acht Ländern gestern in Berlin empfangen hat. Nach zwei Stunden war alles schon wieder vorbei. Lädt man aber dutzendweise Würdenträger bloß zu einem besseren Fototermin, so zeigt man nicht Interesse. Man verrät vielmehr das Gegenteil.

Seit dem Einbruch der Finanzkrise hat der Europa ohnehin stark an Strahlkraft stark verloren. Nicht nur in der Ost-Ukraine, auch in Serbien, Mazedonien und im serbischen Teil Bosniens fliegen gerade in der Jugend die meisten Herzen dem Autokraten Putin zu. Unter jungen Bosniaken und Albanern ist Recep Erdogan der Held, Putins muslimischer Bruder im Geiste.

EU lässt Blockierung von Staaten zu

Von den sechs Staaten der Region, die noch nicht in der EU sind, ist mit Bosnien, Mazedonien und dem Kosovo die Hälfte blockiert. So wie die EU sich über die Anerkennung des Kosovo noch immer nicht einig ist, so hält sie auch für die Probleme der beiden anderen den Schlüssel in der Hand.

Schon seit Jahrzehnten lassen die Westeuropäer ihrem Partner Griechenland die Marotte durchgehen, das kleine Nachbarland Mazedonien wegen eines absurden Streits um den Staatsnamen zu blockieren. Inzwischen hat sich unter den Mazedoniern ein grotesker Nationalismus breitgemacht, genährt von einem zunehmend despotischen Regime. Wo Europa keine Orientierung bietet, darf man sich darüber nicht wundern.

Diplomatische Verwahrlosung in Bosnien-Herzegowina

Der ärgste Fall diplomatischer Verwahrlosung aber ist das Nachkriegsland Bosnien-Herzegowina, das in allen Sonntagsreden immer so wortreich bedauert wird. Seit 20 Jahren weigern die Westmächte sich zu begreifen, dass die bosnischen Serben ihre Autonomie zwar zugunsten Brüssels einschränken würden, nicht aber zugunsten der muslimischen Mehrheit in der Hauptstadt Sarajevo. Auch wer ihre Einstellung nicht billigt, sollte sie nach so vielen Jahren wenigstens zur Kenntnis nehmen.

Stattdessen beharrt die EU darauf, dass die Bosnier aller Nationalitäten vor dem nächsten Erweiterungsschritt einen funktionierenden Staat ausbilden. Eine unsinnige Vorschrift: Müsste etwa Belgien sich um die Mitgliedschaft erst bewerben, hätte es nach diesen Kriterien keine Chance.

EU stärkt Putin und Erdogan

Für Putin, der verlorenes Terrain wiedergewinnen und der Logik der Einflusszonen wieder Geltung verschaffen will, ist das Desinteresse der großen EU-Staaten genauso eine Einladung zum Tanz wie für einen Erdogan in Istanbul, der Europa die erlittenen Kränkungen heimzahlen möchte. Im Westen aber setzen die Diplomaten unverdrossen auf die Ausstrahlung des europäischen Leuchtturms. Sie verweisen darauf, dass weder Russland noch die Türkei auf Dauer etwas Ähnliches wie den Beitritt zum Klub der Reichen zu bieten haben. Was ja nicht falsch ist – langfristig. Aber auf lange Sicht, hat der weise John Maynard Keynes einmal gesagt, sind wir alle tot.



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