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Kommentar zur Flüchtlingskrise: Kippt die Stimmung in Deutschland? Nein!

Freiwillige Helfer am Hauptbahnhof von Hamburg.

Freiwillige Helfer am Hauptbahnhof von Hamburg.

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dpa

Überall höre ich es. Diesmal aus dem Mund einer Frau, die sich in München für Flüchtlinge engagiert. Sie beschreibt, wie gut alles läuft, wie warmherzig Helfer und Flüchtlinge sind. Und plötzlich ein ernster Blick: „Wann, glauben Sie, wird es kippen?“, fragt sie mich.

Das Wort Kippen drängelt sich gerade in viele Gespräche über Flüchtlinge. Kippt die Stimmung in Deutschland? Je nach Person neben mir, höre ich darin Zögern, Sorge, manchmal auch Häme, fast immer jedoch Unsicherheit. Halten wir das durch? Schaffen wir das wirklich? Und wenn noch mehr kommen? Und was, wenn die Flüchtlinge nicht unseren Erwartungen entsprechen und sich als lebendige Menschen zeigen und sich sogar prügeln? Was, wenn sie nicht dankbar sind? Dann wird es kippen! Spätestens!

Merkels Umfragewerte sind schon gekippt. Vielleicht sind wir ja doch so, wie die Welt es von Deutschen erwartet hatte: gleichgültig, kalt oder sogar feindselig. Ist Kippen so gesehen das Wort für eine sich selbst erfüllende Prophezeiung?

Nein, es kippt nicht. Die Unterstützer unterstützen weiter und die Hasser können das Hassen nicht lassen. Was aber anders ist als sonst: Endlich ist auf dem Tisch, was in der Konsensrepublik sonst stets unter der Decke gehalten wurde. Genau hier verläuft der kulturelle Riss: Auf der einen Seite hört man weiterhin das Bekenntnis zur Bunten Republik Deutschland wie Udo Lindenberg es nennt. Auf der anderen, der rechten Seite, beherrschen apokalyptische Fantasien über den Untergang der „weißen Rasse“ die Szene. Dazwischen agiert eine überforderte Verwaltung, die seit Jahren nichts vorhersehen kann. Nicht einmal jetzt. Der Wille, mit deutscher Gründlichkeit auf gut organisierte Reserven für den Notfall zurückzugreifen, fehlt noch immer.

Teile der Politik ersehnen das Kippen vielleicht sogar. Je nervöser der Druck herbeigeschrieben wird, desto leichter lassen sich Verschärfungen des Asylrechts durchsetzen. Und das mit der zynischen Behauptung, Flüchtlinge dadurch zu schützen. Weil es ja andernfalls kippe. Und eine Pogromstimmung dann nicht nur im Osten entstehen werde.

Wo der deutsche Hammer hängt

Wenn man Flüchtlinge schlecht behandle, so die unsinnige und vielfach widerlegte Theorie, würden andere davon abgeschreckt, ebenfalls herzukommen. Diese ollen Kamellen sind voller Gift. Eine schlechte Behandlung von Flüchtlingen wird Spannungen auf engem Raum noch erhöhen. Sie dort festzuhalten wird teurer, als sie wohnen und arbeiten zu lassen. Sie zu isolieren treibt sie genau jenen zu, vor denen die Politiker warnen. Die partielle Entmündigung durch Sachleistungen wird sie in den Kreis jener Einwanderer eingliedern, denen man seit Gastarbeiterzeiten zeigt, wo der deutsche Hammer hängt.

Das Ende ist offen, und sowas hält man in Deutschland nicht gut aus. Aber das Land ist in Bewegung, die Leute reden und streiten. Bis auf die Bekloppten mit ihren Hasstiraden bleiben die Menschen auf dem Teppich. Und siehe da: Angesichts der Flüchtlinge kommt das Grundgesetz zu neuen Ehren, sogar Frauen- und Schwulenrechte. Vielleicht wird irgendwann auch Antisemitismus als Problem ernst genommen! Ja, das klingt widersprüchlich, ist aber etwas anderes als das Wort Kippen! Das nennt man eine offene Gesellschaft. Gewöhnen wir uns dran!