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Berliner Zeitung | Kommentar zur Flüchtlingskrise: Volk, Flüchtlinge und gute Politiker
01. February 2016
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Kommentar zur Flüchtlingskrise: Volk, Flüchtlinge und gute Politiker

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beim Besuch einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Berlin-Spandau.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beim Besuch einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Berlin-Spandau.

Foto:

dpa

Abgesehen von einer größeren Spende habe ich mich nicht um die vielen Flüchtlinge gekümmert. Sie berühren meinen Alltag nicht. Vermutlich geht es vielen so, insbesondere Journalisten. Detailliertere Informationen beziehe ich von Freunden, die in den vergangenen Monaten durchweg zu Linksmerkelianern wurden. Sie erteilen Sprachunterricht, wollen die Pflegschaft für einen allein geflohenen Minderjährigen übernehmen oder engagieren sich als Freiwillige, sei es in Berlin-Wilmersdorf oder im thüringischen Rudolstadt.

In meinem Lebenskreis treffe ich keine Rechtsradikalen, keine Ausländerfeinde, nicht einmal Horst-Seehofer-Freunde. Wenn ein Pegida-bewegter Mitbürger in der Regionalbahn versucht, mich mit Ressentiments gegen „die Muslime“ zu überschütten, vergrabe ich mich hinter der Zeitung.

Wer streitet sich mit empörten Bürgern?

Aus dieser meiner Position lässt sich, gewissermaßen vom Sofa aus, leicht behaupten, „wir schaffen das“ und zugleich auf „untätige Politiker“ schimpfen, mit unterschiedlichen Akzenten gegen Seehofer, de Maizière oder Gabriel. Doch kommt es mir zunehmend so vor, als sei dieses Gerede ziemlich billig. Wer macht denn die Arbeit? Die Politiker oder ich? Wer sucht die Kompromisse? Wer beschafft neue Unterkünfte und organisiert das Mindeste? Wer streitet sich mit empörten Bürgern? Wer muss dafür geradestehen, wenn, wie in Köln geschehen, etwas schiefläuft? – Ich jedenfalls nicht.

Soweit sie in der Bundesregierung oder in den Länderregierungen, in Gemeinden und Landkreisen Verantwortung tragen, verdienen unsere Politiker Respekt für das, was sie im vergangenen halben Jahr für Hunderttausende Flüchtlinge geleistet haben.

In dieser Meinung hat mich ein Besuch im Mainzer Landtag bestärkt, wo ich am 27. Januar die Rede zum Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen Deutschland gehalten habe. Vorher und während des anschließenden Empfangs war Zeit für Gespräche mit einer Reihe von Abgeordneten.

Man führt dort zurzeit Wahlkampf, und Rheinland-Pfalz ist nicht der braune Winkel wie im hinteren Sachsen – aber alle Abgeordneten, ob grün, schwarz oder rot, zeigten sich erschüttert über die Proteste und Anfeindungen, denen sie in ihren Wahlversammlungen wegen der Flüchtlinge ausgesetzt sind. Dass es soweit kommen würde, dass so viel Bosheit und Gewaltbereitschaft in einer eigentlich friedlich erscheinenden Bevölkerung stecke, das hätten sie nicht gedacht.

Es kann sich Volksverdrossenheit einstellen

Ich finde das Gerede von der Politikverdrossenheit dumm und gebrauche dieses Wort niemals, doch brachte es mich auf den Gedanken, bei den Abgeordneten und den Kandidaten für die nächsten Wahlen könne sich Volksverdrossenheit einstellen – mit dem Ergebnis, dass einige plötzlich sagen „Macht doch euren Dreck alleine!“ und verschwinden.

In der alten Bundesrepublik sprachen wir gerne vom Raumschiff Bonn und meinten damit eine angeblich abgehobene Politikerkaste, die von der Wirklichkeit keine Ahnung habe. Womöglich verhält es sich in der Flüchtlingsfrage umgekehrt. Unsere Politiker erfahren viel von der gesellschaftlichen Wirklichkeit, sie plagen sich mit der Realität herum – während es sich unsere Kommentatoren im luftdicht verschlossenen Raumschiff der Erfahrungslosigkeit und des Rechthabens gemütlich machen.