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Berliner Zeitung | Kommentar zur Grünen Woche: Unsere Gier nach Abwechslung
15. January 2016
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Kommentar zur Grünen Woche: Unsere Gier nach Abwechslung

Nahrungsangebot mit Tendenz zur Dekadenz.

Nahrungsangebot mit Tendenz zur Dekadenz.

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imago stock&people

Wie wäre es denn mal mit Elchfleisch-Würstchen aus Estland? Mit Honig aus der Niederweichsel-Region, mit Siedesalz aus dem polnischen Ciechocinek und Kakaobutter aus Sierra Leone?

Alles kein Problem auf der Grünen Woche in Berlin, da gibt es das alles, da kann man auch morgen noch kraftvoll zubeißen. Die Messe für landwirtschaftliche Erzeugnisse gleicht in ihrer Zielsetzung, alles Essbare auf Erden zum Greifen nah zu rücken, den früheren Weltausstellungen; die Menschen sollen staunen, sich ergötzen am Exotischen. Und dazu muhen ein paar frisch shampoonierte Kühe. Da fragt sich dann keiner mehr, ob es nicht widersinnig ist, dass sich mit Sierra Leone einer der ärmsten Staaten der Welt auf dieser Leistungsschau des Überflusses präsentiert.

Zur Grünen Woche gehen muss heute keiner mehr, weil er zur Abwechslung mal etwas anderes auf dem Teller haben möchte als das Traditionsgericht seiner Region. Nimmt man den Veranstaltungsort oder eine andere deutsche Großstadt, dann kann man konstatieren: Alles ist eigentlich immer zu haben, ob man nun morgens um fünf Döner zu goutieren gedenkt oder abends um elf eine Flasche eisgekühlten Champagner. Oder, wie derzeit unerlässlich, eine Schale Quinoa, garniert mit anderen „Superfoods“, die allerhöchste Nährstoffdichte verheißen.

Saisonmoden

Denn auch in der Ernährung gibt es selbstverständlich Trends wie in der Mode. Jedes Produkt, zu dem man das Präfix Lifestyle gesellen kann, unterliegt solchen saisonalen Wandlungen – und Essen erlaubt, durch die Vielzahl verfügbarer Küchen der Welt, mittlerweile ein Höchstmaß der heutzutage so erstrebenswerten Individualisierung.

Die österreichische Ernährungswissenschaftlerin Hanni Rützler veröffentlicht alljährlich mit dem Zukunftsinstitut ihren Food Report, der für 2016 nicht nur eine Renaissance des guten alten Wochenmarktes prophezeit und den Geschmack von Essen als Ersatzreligion hinterfragt, sondern auch ein Schlagwort prägt, das unsere Gegenwart ziemlich präzise erfasst: „Infinite Food“ lautet es, und es bedeutet, dass Essen immer und überall möglich sein muss. Nicht nur im Restaurant und an der Imbissstube, sondern auch im Museum, im Autohaus und am besten noch beim Hosenkauf.

Es erinnert ein bisschen an die liebevolle Drangsalierung vieler Mütter, sogar erwachsene Kinder nicht ohne Stullenpaket auf eine entbehrungsreiche Bahnfahrt von vier Stunden zu schicken. Schon raten die ersten neuen Diäten des Jahres zum Intervall-Fasten, was darauf basiert, täglich acht Stunden am Stück nichts zu sich zu nehmen, keinen Snack, keinen Smoothie, keine Soja-Latte, sondern schlichtweg nix, ein wahrhaft revolutionäres Konzept.

Die alten Markthallen von Paris, dieses gargantueske Gebilde, das Émile Zola in „Der Bauch von Paris“ als einen alles verschlingenden und alles ausspeienden Organismus beschrieben hat – das wirkt wie eine Vision unserer Gegenwart in den Metropolen, in denen die Menschen zwar immer mehr Skrupel entwickeln, das zu essen, wonach ihnen der Sinn steht, in denen aber zugleich, wie im Schlaraffenland, alles Gute so nah liegt, dass man nur zuschnappen muss. In Berlin, einer Stadt, in der man sich lange Zeit eher sättigte denn verköstigte, ist diese Allgegenwart möglichen Genusses besonders erstaunlich. Hier ist jeden Tag des Jahres Grüne Woche.

Grenzenlos im Bioladen

Grenzenlos geht es sogar im Bioladen an der Ecke zu, Regionalität wird mittlerweile eigens ausgewiesen. Die Kaminwurzen kommen aus dem Chiemgau und der Hartkäse aus dem Allgäu; Begründungen, warum aus Chile eingeflogene Äpfel besser für das Klima sein sollen als einheimische Erzeugnisse, die in Kühlhäusern lagern, hat man auch schon oft genug gelesen. Über die Gedankenlosigkeit einer nachhaltig einkaufenden Kundin, die ihren Biosupermarkt bittet, die italienischen Kiwis wieder durch neuseeländische zu ersetzen, „das ist geschmacklich ein Unterschied wie Tag und Nacht“, kann man hingegen immer noch staunen.

Die Allgegenwart aller Köstlichkeiten auf Erden kann die Menschen eben auch ziemlich quengelig machen, da hilft es vermutlich nicht so recht, dass während der Grünen Woche beim Global Forum for Food and Agriculture auch über die Frage „Wie ernähren wir unsere Städte?“ nachgedacht wird. Die Pro-Kopf-Verfügbarkeit von Kalorien in den Industrieländern liegt bei 3500 Kalorien täglich, den meisten sitzend tätigen Menschen sind tausend weniger genug. Doch der Markt ist deswegen noch lange nicht zu sättigen – unser aller Gier nach Abwechslung ist allzu groß.


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