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Kommentar zur Krise in Syrien: Der lange Weg zur Hoffnung

Ein syrischer Flüchtling geht durch ein Flüchtlingslager in Qab Elias, Libanon.

Ein syrischer Flüchtling geht durch ein Flüchtlingslager in Qab Elias, Libanon.

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dpa

Im libanesischen Bürgerkrieg von 1975 bis 1989 wurden etwa 600 Waffenruhen vereinbart. Mehrere Konferenzen fanden statt, um das Gemetzel zu beenden. Doch erst nach 15 Jahren ebnete ein in der saudischen Stadt Taif geschlossenes Abkommen den Weg zum Frieden.

Auch während der Jugoslawien-Kriege von 1991 bis 1999 gab es unzählige Waffenruhe-Vereinbarungen und Vermittlungsversuche. Der Konflikt um das Kosovo wurde 1999 beigelegt, aber die Kriege in Bosnien, Herzegowina und Kroatien endeten bereits 1995 mit den Friedensabkommen von Dayton und Erdut.

Derzeit bemühen sich die Vereinten Nationen in Genf um ein Abkommen, das den Bürgerkrieg in Syrien zumindest eindämmen soll. Es ist nicht die erste derartige Konferenz seit Ausbruch des Kriegs im März 2011, und es wird auch nicht die letzte sein. Die Verzweiflung wird weiter um sich greifen, wieder und wieder wird das Scheitern der Verhandlungen verkündet werden – bis alles wieder von vorn beginnt. Doch die Hauptsache ist, dass man sich ernsthaft bemüht, eine diplomatische Lösung zu finden.

IS scheint geschwächt

Am Donnerstag findet zudem in London eine internationale Geberkonferenz statt, bei der Abgesandte aus rund 70 Ländern über Hilfen für die syrischen Flüchtlinge beraten und natürlich erklären sollen, wie viel Geld sie dafür zu zahlen bereit sind. Das Ziel dieser Konferenzen, Syrien zu befrieden und das Los der Flüchtlinge in Syriens Nachbarländern zu lindern, wird befördert durch zaghaft positive Entwicklungen in und um Syrien.

Der IS scheint zumindest geschwächt. Lange schienen der grausamen Terrormiliz weder Bombardements noch Kämpfe gegen feindliche Fraktionen viel anhaben zu können. Doch vor Kurzem musste die IS-Führung den Sold von 400 auf 200 Dollar halbieren. Nicht nur ihre Kalifats-Ideologie, sondern vor allem ihre Finanzkraft hatten bis dahin für einen steten Zustrom von Kämpfern gesorgt.

Die etwa 25.000 Mitglieder der sogenannten Volksverteidigungseinheiten (YPG), einer Miliz der syrischen Kurden, bemühen sich seit Monaten, die für den IS wichtigen Verbindungen zur Welt über die Türkei zu blockieren. Sie sollen, so berichten unabhängige Beobachter, fast am Ziel sein. International kaum beachtet, wird der IS zudem immer stärker von einem neuen Zusammenschluss syrisch-arabischer Gruppen in die Zange genommen.

Das auf Drängen der USA gebildete Militärbündnis der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) konnte den Tischrin-Damm zurückerobern, eine wichtige strategische Position des IS. Der SDF wird von den Amerikanern wie den Russen mit Luftangriffen unterstützt.
Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass das russische Eingreifen in den Bürgerkrieg Assad gestärkt hat. Das entsetzt Gegner des Regimes wie auch Anhänger der These, dass sich in Syrien alles zum Guten wende, wenn es Assad nicht mehr gebe.

Ein Signal der Hoffnung

Doch es braucht wenig Vorstellungskraft, sich auszumalen, was einem Abgang Assads – durch ein Attentat, einen Putsch, ein militärisches Manöver – folgen würde. Die Kriegsparteien würden sich im Kampf um die Macht in Damaskus an die Gurgel gehen, ohne Rücksicht auf Zivilisten oder noch existente Verwaltungsstrukturen. Und auf ihrem Weg in die Hauptstadt würden sie alle niedermetzeln, die nicht zur eigenen Gruppe, Ethnie oder Religionsgemeinschaft gehören. Genau das geschah etwa in Afghanistan nach dem Abzug der Russen und dem Sieg der Mudschaheddin.

Passierte das in Syrien, würden weitere der Hunderttausenden, noch standhaft in Damaskus, Aleppo, Homs oder Latakia ausharrenden Männer und Frauen, Kinder und Greise, das Land verlassen und sich in die Flüchtlingslager der Nachbarländer Türkei, Jordanien oder Libanon aufmachen und von dort weiter nach Europa ziehen. Schon jetzt sind rund 260.000 Opfer des fünfjährigen Bürgerkriegs in Syrien zu beklagen, und über vier Millionen Syrer ins Ausland geflohen.

Bei den Verhandlungen in Genf wird langfristig eine Lösung gesucht, in London haben die Teilnehmer die Chance, kurzfristig etwas zu tun. Deutschland hat schon 500 Millionen Euro zugesagt und damit seine Hilfe für syrische Flüchtlinge auf insgesamt auf 1,5 Milliarden Euro erhöht. Aber die Vereinten Nationen schätzen, dass mehr als sieben Milliarden Euro gebraucht werden, um den Entwurzelten im Libanon, der Türkei und Jordanien zu helfen. Auf ähnlichen Veranstaltungen war zuvor zwar viel versprochen, aber das wenigste davon eingehalten worden. Immerhin aber geht von den aktuellen diplomatischen Aktivitäten das Signal aus, dass Syrien nicht vergessen ist.