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Berliner Zeitung | Kommentar zur neuen Willkommenskultur: Es ist schon okay, gut zu sein
20. September 2015
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Kommentar zur neuen Willkommenskultur: Es ist schon okay, gut zu sein

"Und trotzdem ist es gut, dass es derzeit „in“ ist, gut zu sein. Tausendmal besser als dieser kalte Pragmatismus der Macht, der hier so oft die Statements und die Leitartikel prägt", schreibt unser Kolumnist.

"Und trotzdem ist es gut, dass es derzeit „in“ ist, gut zu sein. Tausendmal besser als dieser kalte Pragmatismus der Macht, der hier so oft die Statements und die Leitartikel prägt", schreibt unser Kolumnist.

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dpa

Da stand ich also, in dieser zugigen, durchfallgelb gekachelten deutschen Bahnhofsunterführung. Mit meinem kleinen, hurtig gebastelten Schild. „Willkommen“ stand auf Englisch drauf und, größer noch, auf Arabisch. Eben gegoogelt, schnell ausgedruckt, auf Pappe geklebt, an ein Stöckchen geschraubt, aus deutscher Eiche, jawohl. Ganz spontan. Und los.

Plötzlich war ich Teil jener „bewegenden Szenen“, von denen jetzt viel die Rede ist. Und ja: Es war bewegend. Wir, erstaunlich viele, standen da ein bisschen dumm rum. Wir kannten uns nicht, genauso wenig wie all die müden Flüchtlinge, die jetzt die Treppe herunterkamen. Sie lächelten. Wir lächelten. Wir freuten uns, schienen alle gerührt voneinander. Ein sehr fragiles, unbestimmtes Wir. Doch immerhin ein Wir.

Ich war froh, meinen Hintern bewegt zu haben, ohne langes Hin und Her. Aber während ich da so anständig stand, klatschend, lächelnd (und tatsächlich den Tränen nah), zweifelte es in mir: „Was machen wir hier?“ Traute uns nicht, traute mir nicht: „Bin ich gut? Oder würde ich mich nur gerade gerne gut fühlen?“ Ich hielt mein Schildchen noch ein wenig fester.

Sonst hatte ich nichts dabei. Worüber ich froh war. Erstens, weil eh zu viel da war: Massenhaft Obst und Getränke, frisch Gebackenes, Süßigkeiten. Irgendjemand hatte 17,5 Liter heiße Tomatensuppe herbeigeschleppt. Es gab Berge von Kleidung und einen ganzen Zoo Kuscheltiere.

Es ist derzeit "in" gut zu sein - und das ist gut

Zweitens, weil ich so nicht in Versuchung geriet, auf wehrlose Flüchtlinge einzustürmen und ihnen Zeichen meiner Freude in die Hand zu pressen, Beweise meiner ganz persönlichen, hoch entwickelten Willkommenskultur.

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich finde es großartig, wie viele Menschen jetzt spenden, teilen, sich einbringen. Ich verabscheue es, wenn pseudo-abgeklärte Zyniker über „Gutmenschen“ herziehen. Das war viel zu lange Meinungsmode. Ich will auch gerne selbst mehr tun.

Und doch kann auch das gute Geben einen unguten Beigeschmack haben – gönnerhaft, selbstbesoffen, irgendwie falsch. Ich sah am Bahnhof Menschen, die, überwältigt von der Stimmung des Augenblicks, versuchten, staunenden, leicht verschreckten Flüchtlingskindern ein zweites, noch größeres Kuscheltier in die ohnehin schon überfüllten Ärmchen zu drücken. Bekanntlich entfaltet nicht alles, was in guter Absicht geschieht, auch gute Wirkung.

Auf dem Nachhauseweg war Zeit für die Frage, was mich zum Bahnhof getrieben hatte. Mitgefühl – gestand ich mir zu. Auch Zorn. Über brennende Asylunterkünfte. Über unseren notorisch bescheuerten Umgang mit Migration. Die CDU zum Beispiel hat ja erst vor gefühlt fünf Minuten begriffen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Auch über diesen abstrusen und endlosen „Krieg gegen den Terror“, der immer mehr Tod und Terror gebiert. Und über ein Europa, in dem Typen wie Viktor Orbán wieder Stacheldraht ausrollen. Seine Fidesz ist übrigens noch immer eine Schwesterpartei von Merkels CDU.

Reicht da ein kleines Schild? Niemals. Und trotzdem ist es gut, dass es derzeit „in“ ist, gut zu sein. Tausendmal besser als dieser kalte Pragmatismus der Macht, der hier so oft die Statements und die Leitartikel prägt. Umso mehr, wenn sich dies mit Taten und besserer Politik füllt. Endlich!