blz_logo12,9

Kommentar zur Oberschulanmeldung in Berlin: Der Anfang ist entscheidend

Für viele Eltern wirkt die Oberschulanmeldung immer noch wie eine „Black Box“.

Für viele Eltern wirkt die Oberschulanmeldung immer noch wie eine „Black Box“.

Foto:

imago/Schöning

Derzeit werden in Berlin gut 24.000 künftige Siebtklässer an den weiterführenden Schulen angemeldet. Für viele Eltern wirkt die Oberschulanmeldung immer noch wie eine „Black Box“. Es ist nur bedingt kalkulierbar, ob das Kind an der tatsächlichen Wunschschule – sei es ein Gymnasium oder eine Sekundarschule – einen Platz bekommt. Das sorgt für viel Aufregung und banges Warten, denn die ultimative Auflösung erfolgt erst ab dem 27. Mai, wenn die Bescheide rausgehen.

Kurios ist es schon, wenn dabei die Notendurchschnitte der Grundschulen oft den Ausschlag geben. Denn gleichzeitig räumen erfahrene Lehrer ein, dass Noten verschiedener Grundschulen kaum vergleichbar seien. Eine Ziffernote gilt vor allem als besonders rechtssicher, dagegen zu klagen, hat wenig Erfolg.

Trotz alledem ist das jetzige System der Oberschulanmeldung besser als das vorherige. Eltern und Schüler haben eine größere Wahlfreiheit, die Schulen selbst müssen intensiver um Nachwuchs werben. Bis vor fünf Jahren entschied letztlich der BVG-Fahrplan über den Schulplatz. Wer den kürzesten Fahrtweg hatte, war drin. Das hatte wenig mit dem jeweiligen pädagogischen Angebot zu tun, führte aber zu zahlreichen Klagen, wenn etwa das Schulamt den falschen U-Bahn-Ausgang als Berechnungsgrundlage genommen hatte. Gut, dass solcherlei Absurdität der Vergangenheit angehört.

Jenseits der teils maroden Schulbauten und dem kunstvoll verschleierten Unterrichtsausfall bereitet noch ein anderes Defizit in der Berliner Schullandschaft Sorgen. Denn dort, wo die Grundlagen für den Erfolg in der weiterführenden Schule gelegt werden sollen, fehlt es an kompetenten Lehrern. Die Grundschulen finden so wenig Nachwuchskräfte und auch Konrektoren, dass die Senatsbildungsverwaltung nun eine Art Offenbarungseid geleistet hat: Mit allen Mitteln sollen die offenen Stellen besetzt werden. Pensionierte Lehrer dürfen für drei Jahre wiederkehren und aushelfen. Auch der Berufseinstieg für Quereinsteiger ohne pädagogische Ausbildung wird noch einmal erleichtert.

So sieht es ein neues, aus der Not geborenes Personalkonzept der Bildungsverwaltung vor. Schon seit längerer Zeit werden Studienräte, die für das Gymnasium ausgebildet wurden, in den Grundschulen eingesetzt. Einige dieser Studienräte haben nach verstörenden Begegnungen mit verhaltensauffälligen Grundschülern die ihnen zugedachte Schule gleich wieder verlassen. Das ist nicht wirklich verwunderlich, hatten sie sich doch schon bei ihrer Studienwahl dagegen entschieden, mit den jüngsten Schulkindern zu arbeiten. Doch leider hat Berlin versäumt, genug Studienplätze für angehende Grundschullehrer einzurichten. Mit den neuen Hochschulverträgen ab 2018 soll das nun anders werden.

Auch die im Vergleich zu den Studienräten schlechtere Bezahlung macht den Beruf des Grundschullehrers weniger attraktiv. Jetzt sollen verstärkt Aushilfslehrer die immer heterogener erscheinende Schülerschaft fit machen für die Oberschulen. Keine leichte Aufgabe, wo die Berliner Schulabbrecherquote zuletzt wieder auf über 10 Prozent gestiegen ist. Jeder neunte Jugendliche geht ohne Abschluss ab. Womit werden sie wohl künftig ihren Lebensunterhalt verdienen?

Perspektiva statt Provisorium

Dabei ist es eine zentrale bildungspolitische Herausforderung, die Grundlagen für eine erfolgreiche Schulkarriere zu legen. Vor allem, wenn man bedenkt, welche Sprachdefizite bei Kindern 15 Monate vor Einschulung derzeit festgestellt werden. In Neukölln spricht jedes vierte, in Mitte oder Spandau jedes fünfte Kind nicht richtig Deutsch. Kitas sind längst frühpädagogische Einrichtungen, in denen Sprachförderung stattfinden soll. Doch auch hier fehlt es an qualifiziertem (und angemessen bezahltem) Personal.

Neukölln will jedem Erzieher, der sich in die Brennpunkt-Kita traut, jetzt eine Prämie von 1000 Euro zahlen. Gerade bei den Krippenkindern muss die Betreuungssituation schnell deutlich verbessert werden – vor allem da, wo die Eltern passiv sind. Die vielen Kinder aus Flüchtlingsfamilien kommen als weitere Risikogruppe hinzu.

Durch die steigenden Mieten wird die klassische Durchmischung der Bevölkerung weiter zurückgehen, und man wird anhand einer Postadresse noch stärker auf den Bildungsabschluss der Eltern schließen können. Kinder drohen bereits früh den Anschluss zu verlieren. Basiskompetenzen in Lesen, Schreiben und Rechnen werden mehr denn je zum Schlüssel für sozialen Aufstieg. Das Schulsystem sollte dies perspektivisch angehen, anstatt es provisorisch zu verwalten.


video

So ausgelassen war Berlin beim CSD 2016

Hunderttausende demonstrierten in Berlin gegen Homophobie und feierten ausgelassen.