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Kommentar zur Syrien-Krise: Post aus Jerusalem zur Lage in Syrien

Eine Straße in Duma, Syrien, aufgenommen nach einem Luftangriff im Januar.

Eine Straße in Duma, Syrien, aufgenommen nach einem Luftangriff im Januar.

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dpa

Redet man in West-Jerusalem mit den Leuten, könnte man meinen, sie fänden es gut, dass sich die erklärten Feinde Israels gegenseitig totschießen. Doch verbirgt sich hinter flotten oder resignativen Sprüchen ein mulmiges Gefühl: Wie kann es im Mittleren Osten weitergehen? Das zeigt sich auch daran, dass jeder vierte Israeli Putin vertraut. Der soeben wiedergewählte Vorsitzende des Kongresses der Europäischen Juden ist Moshe Vyacheslav Kantor – ein Russe, der im Kreml ein- und ausgeht. Genau deshalb empfängt ihn Netanjahu besonders gerne. Die israelisch-russischen Beziehungen werden als „diskret, aber intensiv“ geschildert.

Während deutsche Medien nur vom Vormarsch syrischer Regierungstruppen auf Aleppo berichten, spricht man hier in Jerusalem davon, dass russische Kampfbomber und Soldaten Assads auch nahe der israelischen und jordanischen Grenze operieren. Die jordanische Armee bereitet sich darauf vor, die Massenflucht von Kämpfern der Al-Kaida-nahen Al-Nusra-Front über die Grenze zu verhindern. Wie es heißt, lieferten die USA bislang Waffen an verschiedene in Syrien kriegführende Warlords, Söldner- und Rebellengruppen über Jordanien. Jetzt dränge Amman darauf, die Transporte zu beenden.

Sarif bezeichnete Holocaust als Tragödie

Derweil pflegen die russischen und israelischen Kommandozentralen vertrauensvollen Kontakt miteinander, damit es nicht zu Missverständnissen während grenznaher oder – wer weiß? – gemeinsamer Operationen kommt. Denn im syrischen Teil des Golan-Gebirges sitzen mindestens 600 IS-Kämpfer der Jarmuk-Märtyrer-Brigade. Hier gilt es, die israelische Grenze zu sichern und notfalls syrische Drusen vor Massakern sunnitischer Islamisten zu bewahren. Außerdem soll Russland verhindern, dass dort iranische Revolutionsgardisten und Hisbollah-Kämpfer eingesetzt werden.

In der vergangenen Woche erklärte der israelische Generalmajor Nitzan Alon, neben dem Iran sehe Israel in der Terrormiliz Islamischer Staat den derzeit gefährlichsten Gegner. Israel sei „de facto Teil der internationalen Koalition gegen den IS“ und liefere geheimdienstliche Informationen. Vermutlich auch dem russischen Militär. Die Hisbollah und die iranischen Milizen bekämpfen den IS ebenfalls – allerdings auch Israel, und die iranische Regierung unterstützt die Todfeinde Israels seit Langem.

Muss das so bleiben? Nach den Morden des IS an 130 Menschen in Paris verurteilte das iranische Staatsoberhaupt Ajatollah Khamenei die Tat als „blinden Terrorismus“. Zugleich machte er „das zionistische Regime“ alleine für das gegenwärtige Blutvergießen „in Palästina“ verantwortlich. Doch schlägt Irans Außenminister Sarif andere Töne an. Bei seinem Besuch in Berlin bezeichnete er den Holocaust dezidiert als Tragödie. Das war neu. Ebenso überraschte Ibrahim Alzeben, Gesandter der Palästinensischen Autonomiebehörde in Brasilien. Er nahm am 27. Januar an der offiziellen Zeremonie zum internationalen Holocaust-Gedenktag in Brasilia teil.

Was könnte daraus folgen? Israel pflegt freundschaftliche Beziehungen mit Russland – Russland pflegt freundschaftliche Beziehungen mit dem Iran. Da erscheint doch eines nicht völlig unmöglich: Im Stillen, ganz unbemerkt, treffen sich iranische und israelische Abgesandte in Moskau, lernen einander kennen und sprechen über strittige Fragen.


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