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Kommentar zur Verdichtung: Berlin muss beim Wohnungsbau die Bürger einbeziehen

Bäume und Grünflächen dürfen nicht dem Wohnungsbau zum Opfer fallen.

Bäume und Grünflächen dürfen nicht dem Wohnungsbau zum Opfer fallen.

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imago/CHROMORANGE

Berlin wächst schneller als gedacht. Nicht erst im Jahr 2030 wird sich die Einwohnerzahl um rund 250.000 Menschen erhöht haben, wie die letzte offizielle Bevölkerungsprognose verhieß, sondern voraussichtlich schon im Jahr 2019. Jedenfalls wenn man den jüngsten Vorhersagen von Berlins Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) glauben darf. Was folgt daraus? Zunächst einmal, dass die bisherigen Prognosen nicht wirklich verlässlich waren. Denn schon die Aussagen des Werks zuvor waren innerhalb kürzester Zeit überholt. Zweifel an der Treffsicherheit amtlicher Vorhersagen sind also berechtigt.

Klar ist jedoch: Diese Stadt wird mehr neue Wohnungen, neue Schulen und neue Kindertagesstätten benötigen. Und nach Lage der Dinge müssen sie schneller errichtet werden als bisher gedacht. Will Berlin nicht die Fehler anderer Städte wiederholen und in die Fläche wachsen, wird sich die Bundeshauptstadt am Vorbild der kompakten Stadt orientieren – und den vorhandenen Raum möglichst optimal nutzen. Das hilft, den Verkehr zu minimieren und die Umwelt zu entlasten. „Nachverdichtung“ heißt die Erfolgsformel.

Freilich muss es eine Nachverdichtung mit Bedacht sein. Falsch ist es, wenn städtische Unternehmen wie die Wohnungsbaugesellschaft Mitte plötzlich Pläne schmieden, die Innenhöfe ihrer Wohnsiedlungen mit Neubauten zuzupflastern, weil sie ansonsten nicht genügend Baugrundstücke haben. Am Ende schaffen sie damit keine bewohnbaren neuen Häuser und zugleich vergraulen sie die Mieter in den bestehenden Siedlungen. Die Herausforderung für Stadtplaner und Politiker besteht darin, eine sinnvolle Verdichtung zu organisieren und bei den Berlinern für Akzeptanz zu sorgen. Die Proteste zeigen, dass es hier noch einiges zu tun gibt.

Bürger sind gesprächsbereit

Ja, es mag Anwohner geben, die eine Bebauung vor der eigenen Tür generell ablehnen und die auf die freien Flächen an anderer Stelle verweisen. Viele Bürger, die gegen aktuelle Bebauungspläne protestieren, zeigen sich jedoch gesprächsbereit. In Lichterfelde Süd sollen nach dem Wunsch der örtlichen Bürgerinitiative lediglich nicht so viele Wohnungen entstehen wie Senat und Investor planen. Ähnlich verhält es sich in Neukölln am Rand der Buckower Felder. Erst als sich dort die Bezirkspolitiker dem gewünschten Dialog verweigerten, starteten die Anwohner ein Bürgerbegehren gegen die Bebauung.

Die Beispiele zeigen, dass der Ausbau Berlins nicht gegen die Bürger, sondern nur mit ihnen erfolgreich zu organisieren ist. Eine gelungene Bürgerbeteiligung muss zum Ziel haben, die Wünsche und Sorgen der Anwohner herauszufinden, um sie in ein Bebauungskonzept einfließen zu lassen. Fehlen in einem Gebiet barrierefreie Wohnungen? Werden familienfreundliche Häuser benötigt? Wenn die Menschen sehen, dass sie selbst von dem profitieren, was in der Nachbarschaft neu entsteht, werden sie dem geplanten Bauprojekt eher wohlwollend als ablehnend gegenüber stehen. Manchmal wollen sie vielleicht auch einfach nur gehört werden.

Sozial gemischte Quartiere

Dass es bisher so wenig gelungen ist, Unterstützung bei den Berlinern für die wachsende Stadt zu gewinnen, liegt jedoch auch daran, dass viele den Eindruck gewonnen haben, hier werde nicht mehr für sie, sondern nur noch für Besserverdienende gebaut. Solange sich daran nichts ändert, wird sich die Akzeptanz schwer erhöhen lassen. Leider hat Berlin im vergangenen Jahr nur für 1?000 neue Sozialwohnungen Fördermittel bereitgestellt, gleichzeitig wurde der Bau von insgesamt 19.200 – meist teuren – Wohnungen genehmigt. Das zeigt, dass es noch immer ein krasses Missverhältnis von bezahlbaren zu hochpreisigen Wohnungen gibt. Zwar wird die Zahl der zu fördernden Sozialwohnungen bis 2017 auf 3?000 jährlich aufgestockt, doch sind das immer noch zu wenige preiswerte Wohnungen. Notwendig wären 5000 neue Sozialwohnungen jährlich – verteilt auf die ganze Stadt. Denn eine sinnvolle Nachverdichtung hat sozial gemischte Quartiere zum Ziel.

Und wo soll neu gebaut werden? Zunächst vor allem in Dachgeschossen, in Baulücken und auf gut erschlossenen Freiflächen wie an der Heidestraße in Mitte. Aber auch – nach Einstellung des Flugbetriebs – auf Arealen wie dem Flughafen Tegel sowie auf den Buckower Feldern und in Lichterfelde Süd. Intelligentes Verdichten heißt zugleich, die vorhandenen Wohnungen besser zu nutzen.

Viele Singles leben heute in Wohnungen, die ihnen eigentlich zu groß sind. Ein Umzug in eine kleinere Wohnung kommt aber für sie nicht in Betracht, weil eine solche oft viel teurer ist. Hier könnte eine Programm helfen, das den Wohnungstausch fördert.