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Kritiker: „Große Verwirrung angerichtet“

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dpa

Der Erlanger Germanist Theodor Ickler ist ein Kritiker der Rechtschreibreform.

Herr Professor Ickler, hat die Rechtschreibreform aus heutiger Sicht irgendetwas gebracht?

Nichts Vernünftiges. Sie hat aber große Verwirrung angerichtet. Das folgte schon aus ihrer Entstehung. Die Reform wurde, nachdem die Kultusminister eine frühe Fassung aus den 80er-Jahren zurückgewiesen hatten, 1996 mit heißer Nadel gestrickt. Ihr fehlt die Systematik. Wir entdeckten zum Beispiel zwischen den Wörterbüchern von Bertelsmann und Duden etwa 8 000 Abweichungen. Später wurde das etwas mehr vereinheitlicht. Aber noch um die Jahrtausendwende gab es zum Beispiel zur gleichen Zeit fünf verschiedene Duden-Ausgaben, die alle gültig waren.

Wie hat sich die Reform bis heute auf den Umgang mit der Rechtschreibung in der Schule ausgewirkt?

Am Anfang wurden die Lehrer immer verwirrter – auch durch die mehrfachen Revisionen der Reform. Viele klagten, dass in den Schulen niemand mehr wisse, wie er schreiben soll. Sie haben einfach fast alles gelten lassen. Ein Kollege von mir gab Lehrern den Ratschlag: Korrigieren Sie das Doppel-S, und ansonsten lassen Sie alles laufen, wie es will.

Klagen die Lehrer auch heute noch?

Heute gibt es vor allem einen riesigen Verdruss. Die Lehrer sind überwiegend der Meinung: Wir haben so viele Schwierigkeiten im Deutschunterricht, dass die Rechtschreibung kaum noch ins Gewicht fällt. Ich hatte selbst zwei Töchter in der Schule und erlebte mit, wie die Korrekturpraxis der Lehrer schwankte und am Ende ganz aufhörte. Zur gleichen Zeit nahmen die Probleme mit dem Deutschlernen allgemein zu.

Sind daran nicht auch die digitalen Medien schuld, Twitter oder SMS? Gilt heute nicht immer mehr, dass jeder schreiben kann, wie er will?

Das stimmt so nicht. Die vielen Bewerbungsratgeber, die es gibt, schärfen einem ununterbrochen ein, dass man zweierlei nicht machen dürfe: zu spät zu einem Termin kommen und die Rechtschreibung vernachlässigen. Das sind wirklich Todsünden, wenn man sich irgendwo bewirbt. Die Gesellschaft stellt durchaus noch höchste Anforderungen an formelle Korrektheit.

Aber an welche Rechtschreibung soll man sich halten, wenn es da so große Widersprüche gibt?

In der Praxis gilt nur der Duden samt seinen Empfehlungen. Das amtliche Regelwerk ist praktisch unbekannt, und die Reformer haben auch kein Wörterbuch vorgelegt, nur eine kurze Liste, mit der man nichts anfangen kann.

Dennoch haben Sie jetzt mit dem Verleger Matthias Dräger und dem Autor Friedrich Denk einen Vorschlag gemacht, den Sie als „menschenfreundlich“ für die Schüler bezeichnen.

Wir schlagen vor, in den Schulen auch die bisherige Rechtschreibung von vor 1996 gelten zu lassen und nicht als Fehler anzustreichen. Für eine Übergangszeit muss es verschiedene Rechtschreibungen geben, die dann allerdings in sich konsistent sein sollten. Noch immer erscheinen sehr viele Bücher in der alten Rechtschreibung, unter anderem Fachbücher und Romane gerade von den bedeutenden Schriftstellern. Ich finde, unser Vorschlag vereinfacht vieles. Die Kultusminister müssten nur über ihren Schatten springen und sagen: Dieses Toleranzedikt wird jetzt in die Öffentlichkeit gebracht. Und dann lassen wir es gut sein und mischen uns nie wieder ein.