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„Good Vibrations“: Mit Musik gegen Bomben

Der Film „Good Vibrations“ erzählt eine wahre Geschichte über die Macht der Musik in kriegerischen Zeiten.

Der Film „Good Vibrations“ erzählt eine wahre Geschichte über die Macht der Musik in kriegerischen Zeiten.

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Photograph: Steffan Hill

Können Schallplatten eigentlich Schutzgeld sein? Ehe Terri Hooley in Belfast seinen Laden „Good Vibrations“ eröffnet, bestellt er die Vertreter republikanischer und loyalistischer Schlägerbanden in einen Pub und bittet sie eindringlich, ihren Terror doch bitte woanders zu veranstalten und ihn einstweilen in Ruhe zu lassen. Einen Stapel LPs hat er zu dem Treffen mitgebracht, die Hooligans beider Konfessionen reißen ihm die Platten aus den Händen.

Die Geschichte von „Good Vibrations“ kann beginnen, es ist eine unwahrscheinliche, aber wahre Geschichte über die Macht der Musik in kriegerischen Zeiten. „Officer, ich möchte draußen auf der Straße einen Bürgerkrieg melden“, sagt Hooley zu einem Polizisten, als die Beamten bei einem Punkkonzert das Alter der Anwesenden kontrollieren wollen. Sprachlos tritt die Streife den Rückzug an.

Mitte der 70er Jahre ist die Great Victoria Street im Zentrum von Belfast eine verödete Geschäftsstraße, genannt „Bombenallee“, weil die IRA dort regelmäßig Ladenlokale in die Luft jagt. Man muss schon ein beinharter Idealist oder ein cooler Hund (oder beides) sein, um sich als Existenzgründer ausgerechnet ein zentrales Kampfgebiet der nordirischen „Troubles“ als Standort auszusuchen.

Kein Wunder, dass dem Bankberater beinahe der Frühstückstoast aus dem Gesicht fällt, als Terri Hooley ihm seine „Good Vibrations“-Pläne vorträgt. Der Musik-Enthusiast lässt sich das Projekt aber nicht ausreden. Weil das Eigenkapital (40 Pfund Sterling) überschaubar ist, verpfändet Terri Hooley (gespielt von Richard Dormer) das Haus der Familie, Ehefrau Ruth wird davon erst Jahre später erfahren.

Eine Geschichte wie ein böses Märchen

Die Regisseure Lisa Barros D'Sa und Glenn Leyburn erzählen die Geschichte von Terri Hooley zunächst wie ein böses Märchen: Eine Vinyl-Single dreht sich auf dem Plattenteller, „I Saw The Light“ von Hank Williams. Aus dem Off hebt der Erzähler an: „Vor langer, langer Zeit lebte ein Junge in Belfast.“ Dann kommt der Spielzeugpfeil eines Nachbarkindes angeflogen, ins linke Auge. Die Ärzte, die dem Jungen ein Glasauge einsetzen, geben den Eltern vieldeutig zu verstehen: Terry wird die Dinge von nun an anders sehen. Das Glasauge wird später im Film noch einmal wichtig, als Terri Hooley es beiläufig herausnimmt und damit in eine Überwachungskamera winkt. So verschafft er sich Zutritt in die mit einem Stacheldraht-Vorbau massiv gesicherte „Harp Bar“, wo er unter Ausschluss der Öffentlichkeit Schallplatten auflegt.

Vom DJ, den keiner hören will, weil die Unruhen in Belfast eben auch das Nachtleben beeinträchtigen, verwandelt sich Terri Hooley zu einem allseits geachteten Paten der nordirischen Punkszene. „Good Vibrations“ expandiert vom Plattenladen zu einem kleinen widerspenstigen Musiklabel und schreibt am 16. Juni 1978 Rockgeschichte, mit der Aufnahme des Songs „Teenage Kicks“.

Die Undertones aus Derry mit ihrem charismatischen Sänger Fergal Sharkey hatten Hooley ihre Demo-Kassette geradezu aufgedrängt. Terris anschließende Tour durch Londoner Plattenfirmenzentralen - eine Abfuhr nach der nächsten - wird im Film wie ein surrealer Drogentrip gezeigt. Der legendäre Radio-DJ John Peel rettet die Undertones - und spielt das zweieinhalb Minuten kurze „Teenage Kicks“ gleich zweimal hintereinander in seiner BBC-Show. Zwei Zeilen aus dem Stück ließ sich Peel später sogar in seinen Grabstein meißeln.

Die längste Gästeliste aller Zeiten

Als schließlich eine große Plattenfirma (Sire Records) die Undertones unter Vertrag nimmt, wollen die Amerikaner Hooley für seine Pionierarbeit mit 20.000 Pfund abfinden, aber er sagt: „Lass stecken, Mann, 50 Pfund reichen doch!“ Besonders geschäftstüchtig ist der „Godfather of Belfast Punk“ nie gewesen.

Besonders deutlich wird das in der finalen Sequenz des Films: Als die Geschäfte im Plattenladen schlechter gehen, bucht Terri für ein Fundraising-Konzert die Ulster Hall, seinerzeit der größte Konzertsaal der Stadt. Es wird ein rauschender Abend und ein kommerzielles Fiasko, weil fast niemand mit Eintrittskarte gekommen ist. „Das ist die längste Gästeliste aller Zeiten“, beklagt sich Terris Freund, der langmütige Drucker Dave.

„Ein Sieg sieht nicht immer so aus, wie andere Leute ihn sich vorstellen“, philosophiert an einer Stelle im Film Terris Vater, der in Ehren ergraute und von etlichen Wahlschlappen geerdete Sozialist. Dieser Satz schwebt als Motto über dem kompletten Film.

1982 schließt „Good Vibrations“ zum ersten Mal, nach einer Handvoll Neustarts an anderen Adressen in Belfast ist im Sommer 2011 endgültig Schluss. Terri schreibt seine Autobiografie „Hooleygan“ und steht wenig später im Zentrum einer Facebook-Kampagne, die ihn zum Bürgermeister von Belfast machen will. Er fühlt sich geschmeichelt, lehnt aber ab. Es gebe schon genug Deppen im Rathaus, so seine Begründung, "ich werde da nicht gebraucht".

„Good Vibrations“ feiert am 8. Mai um 21 Uhr in der Kölner Filmpalette in Anwesenheit von Terri Hooley Premiere. Von 23 Uhr an legt er bei der Premieren-Party im King Georg auf.