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„Blutsbrüder“ von Ernst Haffner: Verdammt kein selbstgewähltes Schicksal

Friedrichstraße um 1930, es ist die Zeit, da bis zu 600 Cliquen mit rund 15.000 Mitgliedern durch die Straßen Berlins ziehen.

Friedrichstraße um 1930, es ist die Zeit, da bis zu 600 Cliquen mit rund 15.000 Mitgliedern durch die Straßen Berlins ziehen.

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Verlag Jürgen Schacht

Es ist ein Blick auf die Stadt jenseits des kitschigen Glanzes der goldenen Zwanziger – und eine grandiose Wiederentdeckung: „Blutsbrüder – Ein Berliner Cliquenroman“. 1932 wird Ernst Haffners Roman erstmals unter dem Namen „Jugend auf der Landstraße Berlin“ veröffentlicht. Über den Autor weiß man kaum mehr, als dass er von 1925 bis 1933 als Sozialarbeiter und Journalist in Berlin tätig ist. Mit nüchternem Blick beobachtet er die Erlebnisse der fiktiven „Blutsbrüder“. Angeführt von ihrem „Cliquenbullen“ Jonny treiben die Jungs ihr Unwesen auf den Straßen Berlins. Das heißt zunächst einmal überleben lernen. Sie machen Gelegenheitsjobs, sie klauen, sie prostituieren sich für die nächste Zigarette, den nächsten Schlafplatz, das nächste Bier, das nächste Essen, die nächste Frau. Ständig auf der Flucht vor den Autoritäten. Doch so fiktiv diese Geschichte sein mag, realitätsfern ist sie nicht.

Entstanden sind die Wilden Cliquen um 1915 als Gruppen von arbeitenden Jugendlichen, die sich zum Wandern oder zur sonstigen Freizeitgestaltung im Berliner Umland treffen. Ein zunächst eher harmloser Spaß, der auf Wochenendausflüge und das Tragen von Abzeichen hinausläuft. Ab 1925 jedoch, so beschreibt es der Historiker Jonas Kleinmann, driften die Jugendcliquen ins kriminelle Milieu. Die Rezession setzt ein, immer mehr Menschen verlieren ihre Arbeit. Allein in Berlin soll es um 1930/31 45.000 bis 50.000 erwerbslose Jugendliche von 14 bis 21 Jahren geben. Bis zu 600 Cliquen mit 15.000 Mitgliedern ziehen durch die Straßen der Hauptstadt.

Die Jungs wehren sich

Eine Problematik, welche die junge deutsche Demokratie nicht zu lösen vermag. Zwar garantiert das 1924 in Kraft getretene Jugendwohlfahrtsgesetz in §1: „Jedes deutsche Kind hat Anspruch auf Erziehung zur leiblichen, seelischen, gesellschaftlichen Tüchtigkeit.“ Doch die Lebensrealität der Kinder in den unteren Schichten spiegelt diesen staatlichen Anspruch nicht wider. Und die eigens für diesen Zweck eingerichteten Fürsorgeanstalten sorgen eher für das Gegenteil. So schreibt Haffner: „Die Jugendjahre in der Fürsorgeerziehung, quasi Lehrlingsjahre für den werdenden Gesetzesübertreter, sind verdammt kein selbstgewähltes Schicksal.“

Die Angst vor der Festnahme und der damit praktisch automatischen Einweisung in die Fürsorgeanstalt begleitet die „Blutsbrüder“. Haffner beschreibt die miserablen, autoritären Zustände in der Fürsorgeanstalt eher oberflächlich. Detaillierter ist da Georg K. Glaser im Roman „Schluckebier“, ebenfalls von 1932. Dieser beschreibt den Wandel des kleinen Schluckebier, der sich, mit revolutionäreren Gedanken als die Jungs bei Haffner, gegen jede Obrigkeit auflehnt. Hier erfährt man mehr über die Hintergründe, die auch Haffners Protagonisten haben dürften: Kindheit im Krieg, ein von den Erlebnissen traumatisierter Vater, der die Kinder verprügelt, machtgeile Lehrer und der nie gestillte Hunger. Schluckebier kommt nach Jahren der Flucht in ein Erziehungsheim. Schlechtes Essen, harte Arbeit, raue Behandlung an der Grenze zur Folter beherrschen den Alltag. Die Jungs wehren sich mit einer Revolte.

Haffners und Glasers Werke sind nicht die einzigen, die sich in der Zeit literarisch mit der Verwahrlosung der arbeitslosen Jugendlichen und den Torturen in den Fürsorgeanstalten auseinandersetzen. Im selben Jahr veröffentlicht Albert Lamm „Betrogene Jugend“. Ein Jahr zuvor ist Justus Erhards Roman „Straßen ohne Ende“ erschienen.

Gequält von Schlägen und Lieblosigkeit in der Familie, voller Hass und Furcht vor Autoritäten, flüchten die Jugendlichen in eine unbarmherzige Welt, in der sie sich nur gegenseitig Halt geben. Ihre Gemeinschaft ist von großer Loyalität geprägt, sie betäuben sich mit Zigaretten, Bier, Sex und Geselligkeit. Ein brüchiges Vergnügen ist diese Notgemeinschaft. Ein wenig erinnern diese „Blutsbrüder“ an die Protagonisten aus „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, die knapp ein halbes Jahrhundert später im eingeschlossenen West-Berlin ein ähnliches Gemeinschaftsgefühl aufbauen. Und in die gleichen Fallen geraten. Kriminalität, Prostitution und Behörden, die mit dem Problem überfordert sind. Sogar den „Babystrich“ gibt es schon – an der Schillingbrücke. Nichts hat sich verändert. Diese Stadt ist ein Loch.

Auffällig ist, dass die Jugendlichen in Haffners Roman völlig unpolitisch daherkommen. Keiner der Protagonisten verschwendet größere Gedanken daran, ob an den gesellschaftlichen Missständen etwas geändert werden müsste. Stets sind sie auf ihren eigenen Vorteil aus. Ob sie nun immer weiter in Kriminalität abstürzen oder, wie die Cliquenbrüder Ludwig und Willi, aussteigen und versuchen, sich ihr eigenes kleines Unternehmen aufzubauen. Das Zerbrechen der Demokratie, das wenige Monate nach der Veröffentlichung des Romans eintritt, spielt keine Rolle für die Jungs.

Das mag nicht ungewöhnlich sein in der Zeit, doch gibt es auch viele Cliquen, die entweder den Kommunisten oder, in kleinerem Maße, den Nationalsozialisten nahe stehen. Immer wieder gibt es in den Zwanzigerjahren auch Versuche, die Cliquen, vor allem als sie noch Wandergruppen und keine Straßenbanden sind, in Verbänden zu organisieren. Mit den Blutsbrüdern ist das nicht zu machen. Sie haben längst begriffen, dass egal welche Bemühungen sie anstellen, es richtig zu machen, alles immer und jederzeit scheitern kann. Sie mögen sich frei fühlen, in der Gruppe unbesiegbar. Doch sie sind Gefangene ihrer Biografie, ihrer Zeit, ihrer Armut, aus der sie nicht ausbrechen können. Egal wie viel Geld sie gerade in der Tasche haben.

Haffner erzählt ihr Leben mit schonungslosem Realismus, der seine Protagonisten nicht bloßstellt. Er erzählt ein Moment der Stadtgeschichte, das selten mit einer solchen Intensität dargestellt worden ist. Haffner macht diese Zeit lebendiger, begreifbarer als es ein Sachbuch je könnte.