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"Comeback" von Alexander Osang: Connys Wende

Und dann weiter nach Norden, hundertfünf Stundenkilometer schnell. Die Stimmen in seinem Kopf wurden lauter und leiser, sie schlugen wie Wellen gegen seine Stirn.

Und dann weiter nach Norden, hundertfünf Stundenkilometer schnell. Die Stimmen in seinem Kopf wurden lauter und leiser, sie schlugen wie Wellen gegen seine Stirn.

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Getty Images/Vetta

Als der Sommer begann und Jürgen Wilhelm endlich bereit schien, sich auf eine neue Beziehung einzulassen, meldete sich seine alte Liebe zurück.

Es war Juni 1994, und Jürgen Wilhelm, den alle Conny nannten, obwohl kaum jemand wusste, warum, flog mit hundertfünf Stundenkilometern über das schnurgerade Stück der Fernverkehrsstraße 96 in Richtung Löwenberg. Brandenburgische Alleebäume, Pappeln zumeist, salutierten, silbrige Blätter flirrten in der Mittagssonne, aus den Autolautsprechern schrie Zazworka, eine Lichtenberger Band, die Conny im Begriff war, groß rauszubringen:

Ich tat den Stich

die Meute wich

Ich häute dich

Ich häute dich

Da rief Nora an, und bat ihn, zurückzukommen. Natürlich bat sie nicht direkt – Nora war kein Mensch, der um etwas bat, schon gar nicht Conny − aber er hörte es schon am Ton, in dem sie ihren Namen sagte.

„Wat iss denn dit fürn Lärm?“, fragte Nora. „Ne Band, die ick manage“, sagte Conny und zog instinktiv den Bauch ein. Nora pflegte mit einem Blick auf seinen Bauch Diskussionen zu beenden. Der Bauch trennte ihn von der Band. Die da, er hier. Es war nicht besser geworden in den beiden Jahren, seit sie sich aufgelöst hatten. Seine Jeansgröße war im Bund von 36 auf 38 gewachsen, und er hatte erst vor ein paar Minuten den obersten Knopf geöffnet.

Nora atmete. „Vielleicht“, sagte Conny.

„Die klingen wie Nazis in zu engen Hosen“, sagte Nora. „Na ja“, sagte Conny Wilhelm und schaltete, das größer werdende Löwenberger Ortseingangsschild im Blick, vom fünften in den vierten Gang hinunter.

Rückkehr als neuer Mensch

Zazworka waren im Schnitt zehn Jahre jünger als die Bandmitglieder der Steine, und er war sich sicher, dass Nora sich darüber informiert hatte, bevor sie ihn anrief. Nora duldete keine fremden Götter neben sich, schon gar keine jüngeren, auch wenn das natürlich eine Frechheit war. Sie hatte ihn gefeuert. Zweimal in den letzten vier Jahren hatte Nora ihren Manager Conny gefeuert. Das erste Mal hatte sie es im Februar 1990 getan, nachdem sie aus New York zurückgekehrt war, wo sie in den Monaten nach dem Fall der Mauer zu sich selbst finden wollte, zu ihren Wurzeln, zu ihren Überzeugungen oder wozu auch immer. Conny hatte es nie ganz verstanden. Nora aber glaubte, als neuer Mensch aus Amerika zurückgekehrt zu sein. Dieser neue Mensch bauchte keinen Manager mehr. Gleich nach der Landung in Berlin löste sie die Band auf, um sich auf ihre erste Soloplatte zu konzentrieren.

Conny schaltete in den dritten Gang, rollte mit 60 Stundenkilometern in Löwenberg ein und passierte den Blitzer, der dreißig Meter hinterm Ortseingangsschild wartete, mit 52. Er konnte die Strecke zu seinem Hof volltrunken im Halbschlaf fahren und hatte es oft genug getan. Conny strich sich ein paar Zuckerkrümel des Fettgebäcks, das er in Oranienburg gekauft und kurz vor Teschendorf gegessen hatte, vom Bauch. Ein Pfannkuchen und ein Kameruner. Ein paar Krümel rutschten in den leicht geöffneten Hosenbund seiner Jeans.

All meine dunkle Wut,

fährt in dein warmes Blut,

brüllte Fleischer, der Sänger von Zazworka.

„Wo bist’n?“, fragte Nora.

„Auf’m Weg nach Hallgow“, sagte Conny.

„Halligalli“, sagte Nora, die alles, was sie mochte, aber nicht besaß, in Fantasiewörter kleidete. Sie machte seine Welt zu ihrer Welt. Es klang, als zündete sich Nora eine Zigarette an. Conny rauchte seit zwei Jahren nicht mehr und fühlte sich besser. Noch schlimmer als dick zu sein, war rauchen und dick zu sein. Es war ihm erstaunlich leicht gefallen, aufzuhören, aber jetzt fühlte er den Phantomschmerz zwischen seinen Fingern.

Conny schaltete in den zweiten Gang und bog, nun in der 30er-Zone, nach rechts auf die Löwenberger Dorfstraße. „Schön, dass du dich meldest“, sagte er, schlich durchs Dorf, links der Bäcker, ein guter Bäcker.

„War Zeit“, sagte Nora.

Es war ein Desaster

Das zweite Mal hatte sie ihn vor einem guten Jahr rausgeschmissen, praktisch noch während der Wiedervereinigungstour der Steine. Anfang ’93 hatte Nora die Band wieder zusammengetrommelt. Um genau zu sein, hatte sie Conny damit beauftragt, die Band zusammenzutrommeln. Er war immer der Erste, der wieder eingestellt wurde, vermutlich, weil er auch der Erste war, den sie rauswarf. Die Jungs kamen zurück, sie schienen auf seinen Anruf gewartet zu haben. Sie nahmen ein paar neue Songs auf und gingen auf Tour. Die Sisyphus-Tour. Es war ein Desaster. Vielleicht lag es am Titel. Die Menschen wollten Steine, die flogen oder rollten, keine, mit denen man sich den Berg hochquälte. Zum Konzert in Jena kamen 25 Fans, Weimar musste abgesagt werden, auf dem Weg nach Erfurt entließ ihn Nora zum zweiten Mal. Er erinnere sie zu sehr an früher, hatte Nora, im schmalen Gang des Tourbusses schaukelnd, gesagt.

„Was kann ich für dich tun?“, fragte er. Nora blies Rauch in die Muschel. Sie hasste diese aufgeräumte Managerart an ihm, und er wusste das. Eigentlich. Sie hatten lange nicht mehr miteinander geredet, er war eingerostet. Sie wollte einen Manager, und sie wollte auch keinen. So war das, dachte Conny.

„Bis du noch da?“, fragte er.

„Wir haben neuet Material“, sagte Nora. „Songs, Texte, Pipapo.“

„Wir?“, fragte Conny.

„Ick habe geschrieben, Alex hat geschrieben, und wir dachten, wir stellen es der Band vor.“

„Ihr redet wieder miteinander?“, fragte Conny, schaltete hoch und beschleunigte den Wagen, das Löwenberger Ortsausgangsschild im Auge, auf 80 Stundenkilometer. Er dachte an die Schlachten, die sich Nora und ihr Gitarrist Alex in den letzten Jahren geliefert hatten. Sie hatten sich geliebt, sie hatten sich gehasst. Als schaue man einem hoffnungslosen Ehepaar bei der Scheidung zu. „Wir mussten reden.“ „Was heißt denn das?“ Fleischer schrie aus dem Autoradio:

Ich zieh das Eichenblatt von deiner Scham

Schöpf’ meinen Rahm.

Schöpf’ meinen Rahm.

„Kannste ma die Mugge bisschen runterdrehen“, sagte Nora. „Dit iss ja grauenvoll.“ Conny gehorchte, wenn auch mit schlechtem Gewissen. Er verstand Zazworka nicht immer, aber sie waren im Moment alles, was er hatte. Er hatte Zazworka vor zwei Jahren in dem Friedrichsfelder Jugendklub gesehen, wo er in den 70er-Jahren mal ein paar Monate gearbeitet hatte, und in den er von Zeit zu Zeit zurückkehrte, um zu spüren, wo er stand. Sie nannten sich Eins, Zwei, Drei, Vier und Fleischer und erklärten ihm, dass ihre Vorbilder die Beastie Boys, Ernst Busch und das Electric Light Orchestra waren, was natürlich ironisch gemeint war und dann auch wieder nicht.

Eine Horrorgeschichte nach der anderen

Zazworka hieß der Großvater ihres Schlagzeugers, der mal Chefredakteur einer außenpolitischen Zeitschrift der DDR gewesen war. All das hatte keine Bedeutung für die Jungs. Sie wollten einen Namen, der mit Z begann, damit sie ganz hinten im Plattenregal standen, gleich neben ZZ Top. Sie schleppten nicht diesen Rucksack voller Wackersteine mit sich herum. Conny fühlte sich leicht, wenn er mit den Jungs zusammen war. Zazworka waren seine junge Geliebte, die Steine waren die Frau, mit er erwachsen geworden war. Deswegen drehte er das Radio leise. Aus Respekt, dachte er.

„So“, sagte Conny und beschleunigte seinen alten Mercedes auf 105 Stundenkilometer, seine Reisegeschwindigkeit für Brandenburger Landstraßen. „Wir halten es nicht mehr aus“, sagte Nora. „Ohne einander?“, fragte Conny. Nora schwieg einen Moment, dann sagte sie: „Merkst du denn nicht, wat da draußen passiert?“ „Wo?“ „Im Land. Sie ziehen uns unsere Geschichte unterm Arsch weg. Alex muss aus seinem Studio raus, weil irgendeine Bank ihren Berlin-Sitz eröffnet. Die janzen Betriebe machen zu, mein Vater iss arbeitslos, Alex’ Eltern haben beide ihren Job verloren. Wir können doch nich einfach so weitermachen.“ Conny dachte daran, dass sowohl Alex’ Eltern als auch die von Nora irgendwelche Funktionäre gewesen waren, die gleich nach der Wende aus ihren Ämtern gejagt worden waren. Er sagte nichts. Nora redete über sich, und weil er ein guter Manager war, ließ er sie reden.

„Janz Oberschöneweide iss eine Geisterstadt“, sagte Nora. „Wir ham eine Stunde miteinander jeredet, eine Horrorgeschichte nach der anderen und irgendwann haben wir jemerkt, dit wir seit Langem an derselben Sache arbeiten. Wir konnten jar nich mehr aufhören zu reden. Dit will wat heißen, bei Alex und mir.“

„Und wat für eine Sache ist dit?“

„Wir müssen uns äußern, Conny. Wir haben lange jenug unsere Wunden jeleckt. Springsteen hat och keinen Kommunismus, an dem er sich reibt und kämpft trotzdem.“

„Springsteen?“, fragte Conny.

„Zum Beispiel. Nebraska und so weiter.“

„War nicht Thälmannpark unser Nebraska-Album?“

„Ach Thälmannpark. Da war die Arbeiterklasse noch das Proletariat.“

„Wat?“

„Keene Ahnung. Führende Rolle und so weiter, weeßte doch, Conny. Dit iss ja nun vorbei. Alex hat’n Song jeschrieben, der heißt Oberspree. Dit iss supergeil. Da müssen wir spielen, nicht in den alten Kulturhäusern.“

„Im Werk für Fernsehelektronik?“

„Zum Beispiel. Oder in Brandenburg, im Stahlwerk, in Eisenhüttenstadt, in Rostock Lichtenhagen. Da, wo’t brennt.“

Conny flog über die Fernverkehrstraße Richtung Gransee. Ein Strich in der Landschaft, zwischen den Feldern ausgerollt, lag sie da. Der Raps leuchtete, als mache er sich über Noras kleine Kampfrede lustig. Schwenni, ihr Roady, war bei den Bandauflösungen über den Jordan gegangen wie die Stahlwerker, von denen Nora immer weiter redete. Conny wusste nicht, was Schwenni im Moment machte. Er wusste nicht mal, ob er noch lebte. Das letzte Mal hatte er ihn vor einem knappen Jahr auf dem Jackson Browne-Konzert in der Wuhlheide gesehen, grauer Zopf, knallrotes Gesicht, voll. Schwennis Jeans hatten ausgesehen, als habe er sie seit dem Mauerfall nicht mehr gewechselt.

Im uckermärkischen Funkloch

„Wir können nicht mehr durch die Kurorte tingeln, Conny“, sagte Nora irgendwann.

„Ick kann mich nich erinnern, dass wir jemals durch Kurorte jetingelt sind.“

„Und wat iss mit unseren Ostseetouren im Sommer?“

„Da haben auch deine Arbeiter Urlaub jemacht, Nora.“ Das Telefon knisterte und knackte, Nora schwieg, bis Conny vermutete, er habe sie verloren, aber sie war noch da. „Du kannst natürlich auch deine Zeit damit verbringen, deinen Hof schön zu machen und nebenbei irgendwelche Blut- und Eisenbands zu …“, sagte Nora noch, bevor sie wirklich in einem uckermärkischen Funkloch verschwand. Es rauschte, Conny schaltete sein Telefon aus und warf es auf den Beifahrersitz. Er sah auf die Straße, die Bäume flirrten. In Gransee hielt er beim Bäcker. Er kaufte sich ein langes schmales Hackepeterbrötchen und ein Stück Kirschkuchen. Noch auf dem Parkplatz vor der Bäckerei biss er in das Brötchen. Als er zur Hälfte damit fertig war, fühlte er sich übel, aber er aß es auf. Draußen dümpelte die Kleinstadt in der Mittagsonne. Er war 39 Jahre alt, und wenn er so weiter lebte, würde er demnächst eine Bundgröße in Höhe seiner Alterszahl tragen. Er sah auf den obersten Hosenknopf, die Zuckerkrümel auf den Oberschenkeln. Conny spürte Noras Auftrag in seinem Blut wie eine Droge.

Die Hälfte seines Erwachsenenlebens hatte Conny damit verbracht, sich vorzustellen, was Nora über bestimmte Dinge dachte. Die Bühne. Das Hotelfrühstück. Das Plattencover. Den Toningenieur. Seinen Bauch. Seinen Haarschnitt. Über seine Frau. Judith hatte nicht vor Nora bestanden. Niemand hatte es ausgesprochen, aber er hatte es gespürt, und Judith hatte es gespürt. Nora schaute belustigt oder ahnungslos, wenn Judith, was selten genug vorkam, irgendetwas in der großen Runde sagte. Sie schwieg, sie lächelte. Wenn sie gut gelaunt war, nannte Nora seine Frau Judy, meistens nannten sie sie Juditchen.

Atmen im fensterlosen Proberaum

Judith und Conny hatten sich Anfang der 70er-Jahre in der 10. Klasse kennengelernt, als er 16 war und sie 15. Sie waren gut hingekommen, aber irgendwann, Ende der 80er, begann Conny, seine Frau mit Noras Augen zu sehen. Judith spürte den neuen Blick, sie kannte ihn ja lange genug. Wenn er da war, saß Conny wie ein fremder Besucher an ihrem Abendbrottisch. Ihr Haus in Karow schrumpfte, jedes Mal, wenn er von einer Tour wieder nach Hause kam, schien es kleiner geworden zu sein. Sie hatten keine Kinder, fünf Zimmer und einen großen Garten, aber am Ende bekam er keine Luft mehr in Karow. Er zog in den fensterlosen Probenraum in Mitte, um wieder atmen zu können. Es war im Sommer 1987, seine Jeansgröße rutschte auf 32. Er wurde so schmal wie jemand, der verliebt war. Judith behielt das Haus in Karow, er den Hof in Hallgow. Judith heiratete wenig später einen Kakteenzüchter und Ingenieur, Dirk, der das Karower Haus um diverse Anbauten erweiterte. Sie hatten inzwischen ein Kakteenhaus und drei Kinder. Fünf, drei und zwei. Manchmal kamen sie ihn in Hallgow besuchen wie entfernte Verwandte. Einmal, als die Königin der Nacht blühte, irgendein besonderer Kaktus, hatten sie ihn nach Karow eingeladen. Er hatte den Kaktus angeschaut und so getan, als teile er ihre Begeisterung, aber er hatte nichts gefühlt. Er hatte sein ehemaliges Haus kaum wiedererkannt und seltsamerweise hatte ihn das beruhigt. Er bereute nichts. Judiths spätes Glück bestätigte seine Entscheidung nur. Er konnte atmen. Manchmal war es ein wenig still, wenn er in Hallgow war. Zu Weihnachten lud er die Band zum Gänseessen ein. Seine Klöße waren legendär.

Conny schaute auf das halb ausgewickelte Stück Kirschkuchen auf seinem Beifahrersitz. Er sah noch warm aus, die Streusel auf den Kirschen waren leicht angebräunt. Er bohrte den Zeigefinger durch die Streusel in die weichen Kirschen und lutschte die Süße ab. Das Kirscharoma mischte sich in seinem Mund mit dem Zwiebelgeschmack des Hackepeterbrötchen. Es war ekelhaft. Conny schlug den Kuchen ins Packpapier ein, kurbelte das Fenster herunter und warf das Paket hinaus. Es segelte über die Straße, schlug gegen eine Häuserwand und blieb auf dem Bürgersteig liegen. Es war still. Die Sonne schien mitleidlos, wie an den endlosen Sommersonntagen seiner Jugend. Conny stieg aus, überquerte die Straße, hob das Päckchen auf und tat es in den blauen Langnese-Papierkorb, der an der Bäckerei hing. Er stand einen Moment auf der verlassenen Straße wie Gary Cooper in High Noon, nur dicker und ohne Colt. Ein großer schwerer Mann, der seine Richtung verloren zu haben schien. Er straffte sich, zog den Bauch ein und schloss seinen obersten Hosenknopf. Dann ging er zum Auto zurück.

Er schlängelte sich durch Gransee und fuhr dann weiter nach Norden, hundertfünf Stundenkilometer schnell. Die Stimmen in seinem Kopf wurden lauter und leiser, sie schlugen wie Wellen gegen seine Stirn. Conny war ein Mann, der im Chaos zuallererst das Positive entdeckte, das war eine andere seiner Stärken. Weil aber der Rest der Welt, vor allem der Welt, in der er sich bewegte, diese Fähigkeit nicht besaß, war er gezwungen, oft mit gespaltener Zunge zu sprechen. Sein Beruf war es, die Dinge zu trennen, um sie zusammenzuhalten. Hier das zu sagen, dort das. Er hatte sich nie darüber beklagt, auch nicht vor sich selbst, es war das, was er machte. Eine Band war ein kompliziertes, zerbrechliches Gebilde, man musste ständig alle Bälle in der Luft halten. Jetzt aber hatte er das Gefühl, sich entscheiden zu müssen. Es ging um eine Haltung zur Zeit, um eine Perspektive.

Wie ein tropischer Regenschauer

Diesen grundsätzlichen Gedanken gab sich Conny hin, als er fünf Kilometer hinter Gransee vom Laubwald verschluckt wurde. Die Junisonne tanzte in kleinen Lichtspots auf der Kühlerhaube seines weißen Mercedes-Kombis. Er fühlte sich orientierungslos, aber gut, so als erwache er langsam aber erholt aus einem langen Winterschlaf. Der Kuchenwurf von Gransee, das verstand Conny, markierte eine Wende in seinem Leben. Eine gute Geschichte, die er, aber erst, wenn er bei Bundgröße 35 angelangt war, zum Besten geben würde. Er spürte bereits, wie er abnahm. Er bewegte sich vorwärts, nicht im Kreis. Irgendetwas ordnete sich. Hier, im kühlen Wald, schlug die Summe seiner Erfahrungen aus den letzten Jahren in eine neue Erkenntnis um. Ein dialektisches Gesetz vollzog sich, dachte Conny, das vom Verhältnis der Quantität zur Qualität. Es war das einzige dialektische Gesetz, an das sich Conny aus seinem Kulturwissenschaftsstudium erinnerte, was praktisch war und sicher kein Zufall.

Die Straße war leer, die Tachonadel stand auf 105 wie festgenagelt, hinter dem gutmütigen Brummen seines Dieselmotors glaubte Conny, die Vögel singen zu hören.

Mehr Musik brauchte er nicht. Irgendwann lichtete sich der Wald, die Mittagsonne ergoss sich über die weiße Motorhaube wie ein tropischer Regenschauer, und das Telefon auf dem Beifahrersitz klingelte. Es war ein Signal. Conny spürte es im Herzen, er hatte ein dunkles Tal durchfahren und war nun wieder im Licht. Er wusste, dass es Nora war, und er war bereit für sie. Nicht zu ihren Bedingungen, sondern zu seinen. Er musste Zazworka nicht den Steinen opfern, und die Steine nicht Zazworka. Sie gehörten beide zu ihm. Sie waren Markierungen seines fast 40-jährigen Lebens. Ein Mensch, das dachte Conny in diesem Moment, war nichts ohne das Bewusstsein seiner Vergangenheit und nichts ohne den Glauben an seine Zukunft. Seit langer Zeit hatte er wieder das Gefühl, von oben auf die Welt zu schauen, aus der Managerperspektive.

Er griff nach dem summenden Telefon und steuerte den Wagen, den Fuß nur leicht vom Gaspedal nehmend, sanft in die Rechtskurve, die er Hunderte Male gefahren war. Im Scheitelpunkt der Kurve beschleunigte er das Auto instinktiv, sodass die Geschwindigkeit, mit der er auf den schlammgrünen Ural-Lastkraftwagen der Roten Armee prallte, der genau hinter der Kurve stand, fast genau bei 105 Stundenkilometern lag, seiner Reisegeschwindigkeit für Bandenburgische Landstraßen.

Kabeltrommeln bis unters Dach

Der Ural war auf dem Weg in seine russische Heimat liegengeblieben. Das Fahrzeug gehörte den rückwärtigen Kräften der 2. Garde-Panzerarmee der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte, die in Fürstenberg an der Havel stationiert gewesen war. Seine Besatzung war Teil der Resttruppe, die dafür verantwortlich war, die Fürstenberger Kaserne besenrein zu hinterlassen. Fahrzeugführer war ein Unteroffizier mit Namen Jewgeni Bachtiarow, der aus der Nähe von Kursk stammte und 25 Jahre alt war. Sein Beifahrer hieß Sergej Liptschuk, ein 22-jähriger Gefreiter aus Uljanowsk, der Geburtsstadt von Lenin. Der Ural-Laster war älter als die beiden Soldaten zusammen. Er war am Ende der kleinen Kolonne gefahren, die sich Richtung Stralsund bewegte, wo ein Schiff der russischen Kriegsflotte auf sie wartete. Bereits hinter Fürstenberg hatte Bachtiarow seltsame Motorgeräusche bemerkt, er hatte sich durch das Waldstück gequält und war dann kurz hinter einer Kurve liegengeblieben. Die Kolonne zog weiter, der Zugführer beauftragte die beiden Soldaten, das Motorproblem zu beheben. Damit waren sie nun seit etwa anderthalb Stunden beschäftigt. Liptschuk und Bachtiarow waren der allerletzte Rest der sowjetischen Streitkräfte, die offiziell bereits im Vorjahr aus Deutschland abgezogen waren. Die beiden Soldaten standen auf den Kotflügeln der Vorderräder und beugten sich in den Motorraum, als Connys alter Mercedes aufschlug. Der Ural war bis unters Dach mit Kabeltrommeln beladen, die zur Notstromversorgung des Bunkers dienten, den die 2. Garde-Panzerarmee tief in den Wäldern um Fürstenberg für ihren Stab gebaut hatte. Der Laster stand wie ein Haus auf der Fernverkehrsstraße. Die Soldaten spürten den Aufschlag kaum, aber natürlich hörten sie den schneidenden, splitternden Laut, mit dem sich der deutsche Kombi in den russischen Lastkraftwagen bohrte. Liptschuk, der Jüngere der beiden, sprang als Erster von seinem Kotflügel. Er warf einen kurzen Blick auf das qualmende Blechpaket, das zu zwei Dritteln unter dem Lastwagen verschwunden war. Dann rannte er. Der Mais stand klein und grün in der Frühlingssonne, und so konnte man den fliehenden russischen Soldaten lange sehen. Sie fanden ihn vier Tage später, entkräftet und mit wirrem Blick, an der polnischen Grenze.

Ein Mann, der ihr gefallen hätte

Bachtiarow sah seinem Beifahrer einen Moment hinterher, dann ging er langsam zum Heck seines alten Lastkraftwagens, um zu sehen, ob er helfen konnte.

Wie legendär Connys Hoffeste in den 80er-Jahren wirklich gewesen waren, sah man auf seiner Beerdigung. Die Hälfte der ostdeutschen Rockszene erschien auf dem Weißenseer Friedhof, auf dem schon Connys Eltern lagen. Die bessere Hälfte. Eins, Zwei, Drei, Vier und Fleischer von Zazworka waren da, dazu ein paar ehemalige Kulturfunktionäre, mit denen sich Conny jahrelang gestritten hatte, der Chef des ostdeutschen Plattenlabels und entfernte Verwandte. Seine Eltern waren tot, Conny hatte keine Geschwister. Aber die Steine waren komplett vertreten, nur Vonnie der Keyboarder, der die Band nach ihrer ersten Auflösung verlassen hatte, um als Barpianist auf einem Kreuzfahrtschiff anzuheuern, konnte nicht. Er lag mit der „MS Ariadne“ vor Guadeloupe. In der ersten Reihe der Trauergäste standen Judith und Nora, die wichtigsten Frauen in Connys Leben. Judith weinte bitterlich, Nora schaute ernst. Sie trug ein sehr kurzes, schwarzes Kleid, hohe schwarze Stiefel und viel schwarzen Lidschatten. Ihre Haar hielt sie mit einem schwarzen Samtband zurück. Ein unbeteiligter Zuschauer hätte sie für die Witwe gehalten.

Sie hatte niemandem von ihrem letzten Telefonat mit Conny erzählt. Sie waren im Streit auseinandergegangen. Es wäre kein gutes Ende gewesen, und sie war sich sicher, dass auch Conny das nicht gewollt hätte. In ihrer Totenrede beschrieb sie den Mann, der Conny gern gewesen wäre. Ein Mann, der ihr gefallen hätte. Ein Mann, der in der letzten Bewegung seines Lebens, auf den letzten Lastwagen einer abziehenden Besatzungsarmee geprallt war. Sie beschrieb Connys Tod wie eine historische Zäsur. Ihre Worte berührten sie nicht, aber darauf kam es nicht an. Bei einem befreundeten Bildhauer hatte Nora den Grabstein in Auftrag geben. Jürgen „Conny“ Wilhelm. 1956–1994. Keep on rocking. Die Musikauswahl überließ sie Judith. Die Band hatte natürlich darüber beraten, welcher ihrer Songs am besten zu Conny gepasst hätte, aber sie konnten sich nicht einigen. Conny hätte das nicht überrascht, für die Verhandlungen war er zuständig, und er war tot. Judith entschied sich für Am Tag als Conny Kramer starb von Juliane Werding. Ein Schlager.

Am Tag als Conny Kramer starb

Und alle Freunde weinten

Das war ein schwerer Tag

Weil in mir eine Welt zerbrach, sang Juliane Werding über den Weißenseer Friedhof, und Nora fürchtete, dass Conny sich im Grabe umdrehen könnte.

Verliebt in das Lied

Sie hatte versucht, Judith davon zu überzeugen, wenigstens das amerikanische Original von The Band zu spielen. The Night, They Drove Old Dixie Down. Judith aber hatte auf der deutschen Fassung bestanden, ohne ihr zu erklären, warum. Judith war der einzige Trauergast, der wusste, dass Conny diesem Lied seinen Spitznamen verdankte. Sie hatten sich kennengelernt, als „Am Tag als Conny Kramer starb“ in der Hitparade lief. Sie saßen samstagabends auf der Klappliege in Connys

Weißenseer Kinderzimmer und starrten, händchenhaltend, in einen kleinen Kofferfernseher. Sie hatten beide nicht gewusst, wovon Juliane Werding eigentlich sang. Weder sie noch Conny hatte je von „joints“ gehört und schon gar nicht von „trips“. Aber die Art, wie Juliane Werding mit ihrer Gitarre zwischen den steifen Studiogästen der ZDF-Hitparade saß, hatte Conny gefallen. Sie war so alt wie sie, 16, und wie sie schien sie nicht hundertprozentig zu begreifen, was sie da sang. Es klang traurig, gefährlich und nach großer weiter Welt, manchmal hatte Judith den Verdacht, dass sich Conny gar nicht in sie verliebt hatte, sondern in das Lied. Deswegen hatte sie ihn Conny genannt. Aus eifersüchtigem Spaß. Der Name war klebengeblieben. Conny wollte ihn nie erklären, und jetzt war es zu spät.

Beim letzten Mal sagte er:

Nun kann ich den Himmel sehen

Ich schrie ihn an: Oh komm zurück!

Er konnte es nicht mehr verstehen, sang Juliane Werding. In diesem Moment verstand Nora, dass sie nicht nur aussah wie die Witwe. Sie war die Witwe.

Und so musste sie doch noch weinen.

Alexander Osang: „Comeback“ (S. Fischer Verlag). Die Buchpremiere findet am 5. März um 20 Uhr im Kino Babylon statt. Knut Elstermann moderiert.