Neuer Inhalt

„der die mann“ an der Volksbühne: Kampf dem Schwampf

Diese humaniden Konrad-Bayer-Kopien scheint ein 3D-Drucker in die schöne neue Google-Welt gespuckt zu haben.

Diese humaniden Konrad-Bayer-Kopien scheint ein 3D-Drucker in die schöne neue Google-Welt gespuckt zu haben.

Foto:

imago/DRAMA-Berlin.de

Wie überschaubar sind die Häkelmuster der Sprache und also des Geistes, und doch wie reich an kombinatorischen Möglichkeiten! Es ist ein Ärgernis, dass sie ständig mit Inhalten befrachtet und verstopft werden. Treten die Strukturen einmal nackt vor, zeigt sich die Primitivität unseres Erkenntniswerkzeugs. Das kann eine sehr erleichternde Einsicht sein.

Bei dem Theatermacher Herbert Fritsch kann man das Abschnurren dieser Häkelmuster in ihrer Reinheit erleben. Nach seiner Inszenierung von Dieter Roths Ein-Wort-Drama „Murmel Murmel“ und der noch wortärmeren „Oper ohne Titel Nr.1“ mutet er dem Volksbühnenpublikum nun wieder erste semantische Partikel zu, die er in seine neue 90-Minuten-Jonglage „der die mann“ mit Texten des Wiener Poeten und Dandys Konrad Bayer einspeist. Wobei die Texte ihrerseits eher von Sinn und Bedeutung wegformuliert sind und auch in ornamentalen Buchstabenflächen bestehen können.

Da gibt es zum Beispiel das kleine Werk „ao“, bei dem Bayer die beiden titelgebenden Buchstaben auf sieben Feldern von jeweils sieben mal sieben Zeichen so sortiert, dass hübsche Topflappen-Muster entstehen. Fritsch lässt seine sieben Spieler diese Buchstabenfolge chorisch deklamieren, bewacht und angetrieben von einem gnadenlos munter vorankläffenden Tick-Tack-Rhythmus des Derdiedasmannorchesters unter der bewährten Leitung von Ingo Günther. Also, mag der menschliche Geist auch nicht dafür geschaffen sein, den Zipfel eines Sinns oder das Wesen des Daseins zu erfassen − dass dieser Chor diese Buchstabenfolge fehlerlos zu skandieren vermag, erfüllt einen mit ästhetischer Befriedigung und großem Stolz.

Bayer, geboren 1932, bekannt als Verfasser von − durchweg kleingeschriebenen − Texten wie „scheissen und brunzen“ oder „kasperl am elektrischen stuhl“ oder „der schweissfuss“, gehörte zur Wiener Gruppe, die in den 1950ern mit dadaistischen Happenings Skandale und Polizeieinsätze provozierte. In jenen Nachkriegszeiten waren solche sprachlichen Hygiene- und Neujustierungsmaßnahmen so erforderlich wie unbeliebt. Man brauchte den Besen des Unsinns, um die Krümel und Trümmer der zerborstenen Ideologien aus den Hirnwindungen zu fegen. Und weil sich dort auch ohne Krieg neuer „Schwampf“ ansammelt, müsse man aufpassen, „dass das Zeug da drinnen nicht verklebt und fault und irgendwelche Schimmelpilze und Sumpfblüten treibt.“ So Fritsch vor zwei Jahren in der Berliner Zeitung.

Ein Spiel mit dem Leben

Es steht zu vermuten, dass es Bayer mit seinen Sprachforschungen und Unsinnsspielen ernst war, dass er vielleicht sogar darüber verzweifelt ist, schließlich starb er 31-jährig im Oktober 1963, nachdem er sich in die Wohnung seiner Freundin zurückgezogen und den Gasherd aufgedreht hatte. Manche bringen den Freitod mit der harschen Kritik der deutschen Dichterkollegen aus der Gruppe 47 einige Tage vorher in den Zusammenhang. Die Nachwelt täte besser daran, Bayers nicht als gekränkte Seele, sondern als Märtyrer des Unsinns zu gedenken. Vielleicht war auch das mit dem Herd nur ein Versuch, der leider nicht schief gegangen ist − ein Spiel mit dem Leben.

Fritsch, der auch als Bühnenbildner fungiert, hat zwei Objekte auf dem Spiegelboden der Drehbühne gesetzt: einen riesigen Schalltrichter und eine zehnstufige Zaubertreppe, die die Spieler auf unerklärliche Weise auftauchen und verschwinden lässt. Ja schon gut, ist irgendein Trick. Sagt aber auch etwas über die Figuren, die völlig geschichts-, ahnungs- und voraussetzungslos in die Leere gewürfelt werden, wo sie einem Programm folgen. Es sieht so aus wie in der kindergartenbunten Firmenzentrale der weltmächtigsten Suchmaschine. Als wären sie von einem zufallsgenerierten 3D-Drucker ausgespuckt worden: Prototypen, die erst, wie frisch geschlüpft, in feucht glänzenden Gummianzügen erscheinen und später als identische Konrad-Bayer-Kopien mit Bubikopf und kragenlosem Sakko.

Die stimmliche, sprechtechnische sowie akrobatische Virtuosität, mit der sie zu Werke gehen, aber ganz entschieden auch die zweifelsfreie und positive Grundeinstellung zu dem, was sie da tun, beeinträchtigt nur durch die Furcht, etwas falsch zu machen − das alles ist in einer Weise über- oder nachmenschlich, dass man sich wie ein ausgestopfter Gorilla vorkommt: sehr langsam, stumm und verstaubt.

Hatten wir schon erwähnt, dass der Abend bei allem ein umwerfendes Vergnügen ist? Man darf sich auch einfach an der Sensationalität und Artistik der Nummern freuen. Diese Gummiteufel (Florian Anderer, Jan Bluthardt, Werner Eng, Annika Mier, Ruth Rosenfeld, Axel Wandtke und Hubert Wild) können sich einen Text merken, bei dem alle Substantive durch „Karl“ ersetzt wurden. Oder einen, in dem die Worte Niere, Dame, Arm, Rahm, Adern und noch ein paar mehr auf immer sinnfreiere Weise durcheinanderfallen. Oder einen, in dem Wortzusammensetzungen wahllos miteinander verklebt werden, wobei jede einzelne Silbe mit weit ausgreifenden Gebärden illustriert wird und mit so irrwitziger Geschwindigkeit, dass mit dem Staunen kaum hinterher kommt.

Noch unbegreiflicher ist allerdings die Fähigkeit, bei einer „ein und ein und ein und“-Textschleife, hängen zu bleiben und zwar immer wieder und sehr gründlich: Also so, dass sich in der zunehmend verknoteten und verknetenden Mimik nicht nur die Suche nach einem vergessenen Wort spiegelt, sondern auch solche Frage wie: Wer ist dran? Doch wohl nicht ich? Und wenn ja, was bin ich überhaupt? Und wie geht Sprechen noch mal? Und was muss man dafür aufmachen? Und wozu? Und was ist überhaupt ein Wort?

der die mann 22., 26.2., 15., 25. 3.,3.4., Volksbühne, Tel.: 24065777


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?