20.10.2011

„Der Körper“: Mit der Straßenbahn in die Erinnerung

Von Mathias Schnitzler
Der „Proust der Plattenbauten“ Mircea Cartarescu.
Der „Proust der Plattenbauten“ Mircea Cartarescu.
Foto: Imago
Berlin –  

Genial, gigantisch, größenwahnsinnig: der zweite Band von Mircea Cartarescus Bukarester Romantrilogie.

Wie modrige Pilze ließ Hugo von Hofmannsthal vor etwas mehr als einhundert Jahren seinem fiktiven Dichter Lord Chandos die Worte im Mund zerfallen. Die Fähigkeit, zusammenhängend zu denken oder zu sprechen, war ihm abhandengekommen. Als heftiges Schwindelgefühl brach sich die Sprach- und Geisteskrise Bahn - eine Schlüsselszene der Frühen Moderne. Gegenstände drängten sich dem Lord in „unheimlicher Nähe“ auf, starrten ihn mit monströsen Augen an. Zu unendlich fragmentierten Augenblicken zerfaserten seine Gedanken.

In diesen Momenten, zugleich als Schock und mit ungeheurer Anteilnahme erlebt, würden ihm die Todesschreie vergifteter Ratten, ein moosbewachsener Stein oder der im Wasser einer Gießkanne schwimmende Käfer mehr sein als die schönste Geliebte der glücklichsten Nacht. Fortan könne er nicht mehr literarisch tätig sein, gab der Lord bekannt, denn das Denken, Fühlen und Schreiben sei nur noch in einer gemeinsamen Sprache möglich. Einer Sprache, in welcher die stummen Dinge und die Kreaturen, die eigenen Eingeweide und Blutbahnen mit ihm kommunizierten. Diese Sprache aber gebe es nicht.

Cartarescu: Der Körper.

Aus dem Rumänischen von Gerhardt Csejka und Ferdinand Leopold.

Zsolnay, Wien 2011.

607 S.

26 Euro.

Glühender als Worte

Nun, möglicherweise gibt es sie doch. Aus dem fernen Bukarest kommt sie zu uns herübergeweht: geflüstert, gestöhnt und geschrien. „Der Körper“ ist der zweite Band der gigantischen, in Rumänien längst legendären „Orbitor“-Trilogie von Mircea Cartarescu. Wie schon im ersten Teil „Die Wissenden“ hat Gerhardt Csejka, nun gemeinsam mit Ferdinand Leopold, dieses fiebrige Denk- und Sprachgemisch spektakulär übersetzt. Ein Gemisch, das jetzt auch auf Deutsch, um mit Hofmannsthal zu sprechen, „unmittelbarer, flüssiger, glühender ist als Worte.“

Orbitor, das heißt „blendend“. Und wie Cartarescu mit leichtesten Veränderungen von Licht und Dioptrie Realitäten verschiebt und Albträume nährt, die von Sehnsucht erhellt oder von Fremdheit verdunkelt sind, das ist große Kunst. Ein Fluidum des Lebens und des Todes, des Wachens und Träumens lässt der Autor hinüberströmen in die Dinge, die Organe, die Nervenzellen.

Seit den achtziger Jahren gilt der 1956 in Bukarest geborene Autor als bedeutendster Lyriker und Erzähler seines Landes. „Nostalgia“ hieß sein gerühmter erster Prosatext. Erinnerungsgesättigt ist auch der zwischen 1996 und 2007 verfasste Mammutroman „Orbitor“, dessen Dreiteilung („Der linke Flügel“, „Der Körper“, „Der rechte Flügel“ ist das Original untertitelt) neben dem Verweis auf das zentrale Schmetterlingsmotiv an den Aufbau eines Flügelaltars denken lässt. Weil er den Erzähler Mircea unentwegt in die Erinnerung tauchen und Vergangenheit erfinden, die ekstatischen Augenblicke von ausufernden Bewusstseinsströmen umfließen lässt, hat man Cartarescu schon als „Proust der Plattenbauten“ bezeichnet.

Mircea irrlichtert in seinen immer wieder aufs Neue entzündeten Erinnerungen durch das sozialistische Bukarest der sechziger und siebziger Jahre, seiner Kinder- und Jugendzeit. Die triste Wirklichkeit - Ceausescu lässt ganze Stadtteile niederreißen und wiederaufbauen, der Strom wird rationiert, die Regale sind leer, die Securitate lauert überall - wird ihm zum fantastischen Fiebertraum. Endlose Straßen durchstreift Mircea, kriecht in verlassene Häuser und Fahrstuhlschächte. Er überquert gespenstische Plätze und brachliegenden Flächen, die mit Unrat, Netzen und Drähten übersät sind. In diesen verfangen sich Erzähler, Erzähltes und Leser aufs Wunderlichste.

Cartarescu liebt Straßenbahnen, denn sie sind (man denke an Tennessee Williams) Träger von Sehnsüchten und Erinnerungen. Mal lässt er die Bukarester Bahnen durch den aufwirbelnden Schnee in den Straßenschluchten davonruckeln, beobachtet aus göttlicher Perspektive vom Fenster eines Wohnblocks. Dann befinden wir uns im Inneren der Tram und die Stadt zieht wie in einer zuckenden Filmvorführung an uns vorbei. Und die Bahn selbst, „ein mit seinen Heiligen beladenes Kirchlein rumpelnd von einer Station zur nächsten, ließ an den Kreuzungen die Glocken bimmeln, ein alter orthodoxer Pope bediente die Kurbel“.

Harte Wirklichkeit zwischen epischen Passagen versteckt

Vom Allerkleinsten, den Neuronen und Synapsen oder der Betrachtung eines Insektenbeins unter der Lupe, über die Individuen und die Stadt als Mikrokosmos weiter zum Himmel bis zur allergrößten Hypergalaxie geht Cartarescus Reise, die manch einer als größenwahnsinnig empfinden dürfte: „Ich schreibe kein Buch, sondern ziehe einen Embryo heran im tristen Uterus meines Schädels, meines Zimmers, meiner Welt.“ Aus Hofmannsthals modrigen sind Cartarescu halluzinogene Pilze geworden. So bevölkern Chimären, Homunkuli und allegorische Ballette sein geheimnisvolles Bukarest ebenso wie erregte Amöben, selbstmörderische Käfer, bucklige Trinker, Schlangenmenschen und Frauen mit Schmetterlingsflügeln.

Wer dem Autor Flucht aus der Wirklichkeit vorhält, an sich schon ein lächerlicher Vorwurf, hat unaufmerksam gelesen. Denn es gibt, versteckt zwischen epischen Passagen, Szenen wie diese: „Und nicht meinem kranken Hirn war die Schar nackter, schöner und schlampiger Mädchen aus der Konservenfabrik entsprungen; sie waren gezwungen worden, sich dort zu entblößen, zwischen Halden von Tomaten und Gläsern, und in der Kälte zu warten … um dann ohne Umstände mit gespreizten Beinen aufs Fließband gelegt und von gewalttätigen männlichen Fingern in der Scham durchsucht zu werden; das alles um die Schwangeren ins Verzeichnis einzutragen, damit sie später ja nicht abtrieben, und die anderen in die Zange zu nehmen, die ihre patriotische Pflicht nicht erfüllten, rechtzeitig zu kalben.“

Nur die Erlösungspraktiken eines Geheimbundes namens „Die Wissenden“, dem man schon im ersten Band begegnet war, könnten etwas ermüden. Von New Orleans, dem Sitz der Sekte, gelangen wir nach Amsterdam, wo ein als Kind entführter Zwilling von Mircea wieder aufgetaucht ist. Am liebsten jedoch möchte man für immer in Cartarescus hypnotisch-nostalgischem Bukarest verweilen. In seiner Abenddämmerung, seinen Häuserruinen, in seinen Schatten, Schächten, Schluchten und Straßenbahnen.

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