04.11.2011

„Der Tod und die Mädchen“: Stress mit dem Selbstmord

Von Julia Kohl
Berlin –  

Im neuen Stück der Stammzellformation wird über den Tod gelacht. Ein Bruch mit der Tradition.

Jeder, wirklich jeder, muss auf die Bahn warten - selbst der Tod. Die junge Frau Kara steht auf einer Brücke, bereit zu springen und der 8-Uhr-Regionalzug kommt einfach nicht. Ärgerlich. Dafür will ihr Sunny, eine andere Selbstmörderin, den Platz streitig machen. Schreiend, schubsend, schlagend scheinen sie zu vergessen, warum sie eigentlich hier sind. Bis Thorben plötzlich dasteht, der sich auch Tom nennt oder Todd. Er besingt den Tod, mit orgelnden Klavierklängen: „Lach nie über den Tod, sonst lacht er über dich.“ Wie vieles im Leben ist das „suizidale Gewerbe“ kein Spaß. Sunny und Kara wollen trotzdem noch eine Lebensrunde drehen, weil es so schlecht nun doch nicht ist.

In „Der Tod und die Mädchen“, dem aktuellen Stück der Musical-Theatergruppe Stammzellformation, geht es asketisch zu. Vor der rohen Backsteinmauer des Maschinenhauses in der Kulturbrauerei tragen die Künstler nur Schwarz, Weiß und Grau - als ob Buntes von dem ablenken könnten, was auf der Bühne passiert. Nini Stadlmann, Tom van Hasselt und Melanie Haupt machen minimalistisches Theater mit Musik, das es sich leisten kann, pompöse Vorstellungen ins Lächerliche zu ziehen, weil es sich selbst nicht so ernst nimmt. Im Duett singen Sunny und Kara ein schnulziges „Geh bitte nicht ohne mich“, wobei ihre Stimmen immer höher werden und die gefuchtelten Gesten immer ausladender.

Irdisches Musical über die Sehnsüchte der Menschen

Das Stück über den Tod hat selbst kein Ende, da steht möbiusschleifenartig wieder der Anfang. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität wird zunehmend durchsichtiger - das Schauspiel-Trio steigt zwischen den Szenen ein und aus, wie aus dem Regionalzug, der nie kommt. Da werden mit Schnick-Schnack-Schnuck die Rollen für die nächste Produktion verteilt und das Ende der gerade laufenden Aufführung geschrieben - also das Stück im Stück im Stück… Fiktion und Realität laufen, wie die Zeitachsen ineinander über - und dem menschlichen Verstand davon.

Es sei ein sehr irdisches Musical über die Sehnsüchte der Menschen. sagt Tom van Hasselt, Autor der Stücke der Stammzellformation, die 2009 ihre erste Produktion „Dr.Ich“ auf die Bühne brachte. Warum folgt nach „Mamma Macchiato“, einem Musical über den Babyboom in Prenzlauer Berg, ausgerechnet eins über den Tod? „Wir wollen mit der langen Tradition brechen, den Tod als etwas Furchterregendes zu sehen, mit dem man nichts zu tun haben möchte im Leben“, sagt van Hasselt. Es ist eine Gratwanderung, über den Tod zu lachen, ohne sich über ihn lustig zu machen. Doch wenn es gelingt, wie der Stammzellformation, dann kann das so versöhnend wirken wie ein überfälliges Friedensangebot.

Der Tod und die Mädchen, 8. und 15. 11., 4. 12. jeweils 20 Uhr, Maschinenhaus der Kulturbrauerei, Schönhauser Allee 36, Karten: 92 37 93 77.

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