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"Didi und Stulle" in der Neuköllner Oper: Pimmel, Popel und Philosophie

In der Neuköllner Oper haben Didi und Stulle den Schritt aus dem Stadtmagazin-Comic von Fil auf die Bühne gewagt.

In der Neuköllner Oper haben Didi und Stulle den Schritt aus dem Stadtmagazin-Comic von Fil auf die Bühne gewagt.

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imago stock&people

Sie kommen auf die Bühne mit einem orangen Becher als Nase und in weitem Rock, groß und laut der eine, klein und vorsichtig der andere. Der Große singt die philosophischen Hauptfragen – woher kommen wir, wo gehen wir hin? –, der Kleine beantwortet sie singend: „Wir kommen ausm Märkischen Viertel und jehn zum Hundertsiemzwanzja!“ Es sind Didi und Stulle, die Berliner Modellproleten, die zuweilen in der Warteschlange von „Dreck Donald’s“ Nietzsche zitieren. Über 25 Jahre nach ihrer Erfindung durch den Zeichner und genialen Alleinunterhalter Fil sind sie am Donnerstag dort gelandet, wo sie nie hinwollten: auf der Opernbühne. Nicht auf der von Daniel Barenboims Staatsoper, aber immerhin auf der der Neuköllner Oper.

Didi und Stulle als Oper. Warum? Warum nicht? Man versucht einerseits vergeblich, sich diese beiden so unterschiedlichen Schweinemenschen verkörpert und singend auf der Bühne vorzustellen. Andererseits hat Fils so einzigartig elaboriert transkribiertes Berlinisch seinen poetischen Reiz, sind die Geschichten so grotesk, dass beides den Transport in die unrealistischste aller Kunstformen fast schon nahelegt. Fil selbst hatte allerdings nichts mit dieser Produktion zu tun bis auf ein sehr witziges, vom Band eingespieltes Grußwort; das Libretto schrieb Anita Augustin, die Musik Matthias Herrmann.

Es beginnt episodisch mit einigen Szenen, die einer Seite jenes Stadtmagazins entsprechen, für das Fil Woche für Woche Didi und Stulle-Comics erfindet: Didi macht Stulle als „Dieter Kohlen“ für seine gesungene Liebeserklärung an Didi fertig, er erläutert die Vorteile des Wichsens auf Telefonnummern, er versucht ohne Geld „Bigmäxx“ zu bekommen. Und dann, während er nur kurz pinkeln geht, schiebt sich plötzlich ein Kopf durch seinen Rock, ein Kopf mit roter Kappe. Der Kopf singt, und wenn Didi uriniert, spuckt er aus; danach wird er abgeschüttelt. Das ist also wirklich und wahrhaftig – Didis Pimmel.

Amüsantes Chaos

Solche unschuldige Drastik kennzeichnet oft auch Fils eigene Shows, die Szene ist also wahrhaft kongeni(t)al. Aber nehmen wir die sich hier ergebenden Konsequenzen einfach hin? Eine der folgenden Szenen mit einem tanzendem und einem singendem Penis macht unmissverständlich klar: Didi mag Schwänze. Am Frühlingsbeginn freut er sich über seinen „Dicken“, ohne weitere Verwendung für ihn zu haben. Die beiden sind in ihren Röcken nicht nur Transvestiten, sondern schwul, ohne es zuzugeben.

Klar, das hat was für sich: Didi erzählt auch im Comic zwar viel von Frauen, aber mit Freundin hat ihn noch niemand gesehen. Und die Vorwürfe an Stulle, er sei schwul – entspringen sie seinen tiefsten Wünschen? So bleibt mindestens eine Sache in der Schwebe blieb, wo doch sonst alles ausgesprochen wird. Und ist nicht die Barockoper der Ort unausgesprochen mehrdeutiger Geschlechtsidentitäten?

Matthias Herrmann beginnt die Oper jedenfalls im barockem Ouvertürenton für Streichquartett, Gitarre und Schlagzeug, Didi und Stulle singen Rezitative und Arien samt sinnlos langer Koloraturen – allerdings in unverkennbar und eindeutig männlicher Tonlage. Bassstimme und Reifrock, Barockmusik und Berlinertum wirken zusammen absurd – aber natürlich auch nicht ewig. Daher wechselt Herrmann öfter die Tonlage, spielt zum Heavy Metal hinüber und zum Jazz.

Das Ergebnis ist auf weite Strecken ein doch sehr amüsantes Chaos. Lars Feistkorn ist ein Didi mit ansehnlich dumpfer Ausstrahlung, Fabian Martinos Stulle rutscht wegen des nötigen Größenunterschieds die ganze Zeit auf Knien und vergegenwärtigt anrührend das Hin und Her zwischen Anpassung und Eigensinn. Nach einer halben Stunde wird der Erzählfaden etwas dichter: Stulle wird Student und hängt fortan auch mit Kommilitonen ab, was seinen alten Kumpel kränkt – aber als nette Geste dauernder Freundschaft überreicht er ihm einen Klumpen aus den gesammelten Popeln des letzten halben Jahrs. Um sich selbst intellektuell herauszufordern, konstruiert Didi einen Denkomaten, der aber explodiert und ihn postwendend in die Hölle befördert, aus der ihn Stulle befreien will – das muss Liebe sein und ist ja auch als „Orpheus“-Mythos Ursprung der Oper gewesen. Davon merkt man hier indes nichts, die Hölle swingt. Gott selbst versucht Stulle zu helfen, erweist sich aber bald als unfähige Handpuppe.

Eigentlich ein tiefsinniger, philosophischer Moment, der mehr sein könnte als nur brachial und komisch. Leider geht er in der Neuköllner Oper in einem etwas zähen, revuehaften Chaos unter.

Termine 14., 15., 19., 22., 27.−29. Juni, 20 Uhr , Neuköllner Oper, Tel.: 68890777


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