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„Die Vermessung der Welt“: Reisen oder Daheimbleiben - aber in 3D

Florian David Fitz als Carl Friedrich Gauss und Vicky Krieps als Johanna im Film "Die Vermessung der Welt".

Florian David Fitz als Carl Friedrich Gauss und Vicky Krieps als Johanna im Film "Die Vermessung der Welt".

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dapd

Großes Glück der Vereinfachung: Am Naturforscher Alexander von Humboldt (1769 - 1859) und dem Mathematiker Carl Friedrich Gauß (1777 - 1855) kann man Wissenschaftsgeschichte erzählen als Polarität von Reisen und Daheimbleiben. Der eine, Humboldt, muss raus und entdecken, muss den Amazonas herunter und den Chimborazo hinauf, muss messen, schmecken, sezieren, sammeln. Alles ausprobieren an der eigenen Haut, und wenn es die Schläge des Zitteraals sind. Der andere, Gauß, schaut verächtlich auf diese Mühen: Was soll ich die Welt bereisen, wenn ich sie auch berechnen kann? Ihm reicht die enge Stube, um die mathematischen Formeln zu entdecken und entwickeln, die ihm das Wesentliche der Existenz sind.

Unverschämtes Glück der Vereinfachung: Mit dem Roman „Die Vermessung der Welt“ über Humboldt, den Amazonasfahrer, und Gauß, den Vater der Normalverteilungskurve, erzielte der damals 30-jährige Daniel Kehlmann 2005 einen der größten Erfolge der deutschen Literatur. Das Buch ist eine ironische, janusköpfige Doppelbiografie des Homo Scientificus als Weltreisender und Stubenhocker. Rund drei Millionen Mal wurde es verkauft. Und jetzt ist es auch noch verfilmt worden. Von Detlev Buck und in 3D!

Der Film ist dem Buch durchaus ebenbürtig. Natürlich musste jede Menge gestrichen, Überspitztes noch überspitzter gemacht werden, aber der geistreiche Witz dieser idealtypischen Vorführung von Theorie und Empirie als Gauß und Humboldt bleibt bestehen – der Witz nämlich, dass beide Wissenschaftler so verschrobene, einmalige Käuze sind, dass sie sich zu Idealtypen gar nicht eignen. Sie laufen ständig der ihnen von der Grundkonstruktion zugedachten Beispielhaftigkeit davon kraft ihres Eigensinns. Ein herrliches Schauspiel, man kann der Komödie im Kampf mit dem Klischee zusehen. Sieger nach Punkten: Immer die Komödie.

Glücksfall 3D-Technik

Ein Glücksfall ist hier die ansonsten oft eher nervende 3D-Technik. Sie bringt historische Distanz ins Spiel, sorgt ja nicht etwa für gesteigerten Naturalismus, sondern umgekehrt für mehr Künstlichkeit. Ins Kino bringt sie etwas von der Urgeschichte des Kinos zurück – von der Ästhetik der Guckkästen nämlich, die auf Jahrmärkten den Menschen etwas von der weiten Welt erzählten. Auch sie betonten in übermäßiger Weise die Perspektive, indem mehrere aus Papier geschnittene Bildebenen sich überlagerten zu dreidimensionalen Dioramen.

So bringt das 3D-Verfahren Erinnerungen an eine antiquierte Modernität, die uns auch ästhetisch in die Ära Gauß/Humboldt zurückversetzen. Gerade zu den sagenhaften Erlebnissen Humboldts in Amazonien passt sie in idealer Weise. Tief sinkt die Kamera auf den Boden, als liege man mit Humboldts witternder Nase im Gras; der Dschungel üppiger, als das Auge erfassen kann; die Welt ein echtes Gegenüber, das von Blicken erforscht und durchwandert werden will – dabei sagen die meisten Einstellungen zugleich: Trick und nochmals Trick.
Und Tick. Manisch werden Vordergründe ins Bild gerückt: Tücher auf der Wäscheleine, der drohende Zeigefinger eines Leutnants („eine Zahl ist kein Spielzeug“), ein Schmetterling, Kerzenrauch, ein aparter Hintern. In 3D liegt zwischen ihm und dem Nacken ein Kontinent.

In gewisser Weise ersetzt die überpräsente dritte Dimension im Film das, was in Kehlmanns Romanvorlage die indirekte Rede leistet, die nie den ironischen Erzähler vergessen lässt. Hier vergisst man nie, dass man im Kino sitzt, weil dessen Mittel so überkandidelt und jahrmarkthaft genutzt sind. Um von Humboldt im Dschungel auf Gauß in Braunschweig umzuschalten, dreht Buck das Bild einfach auf den Kopf und der Amazonas ergießt sich in Braunschweiger Gewässer, wo es mit Gaußens Geschichte weitergeht.

Kritik am deutschen Geist

Ihre größte Gemeinsamkeit haben die Antipoden Gauß und Humboldt in ihrer jeweiligen Weltfremdheit. Natürlich ist es ein Allgemeinplatz, dass derart treibhausmäßig entwickelte Intelligenz auf Kosten anderer Eigenschaften zur genialischen Blüte reift. Nichtsdestoweniger erfrischend ist es, immer wieder neu vorgeführt zu bekommen, wie sich Genie und Tumbheit die Waage halten. Florian David Fitz schafft es, den Gefühlshaushalt des Mathematikers als derart übersichtlich darzustellen, dass er genau daraus enormen Charme bezieht. Gerade ein Tölpel kann ja hinreißend sexy sein. Er bebt vor Begehren, als die Gänsemagd Johanna das Prinzip der Triangulation versteht. Und als sein Sohn ins Gefängnis geworfen wird, reicht er ihm so beiläufig die Hand, als verabschiede er sich ins Wochenende. Ein emotionaler Analphabet, der für jeden Buchstaben geliebt wird, den er endlich zu entziffern weiß.

Umgekehrt der reisende Adlige Humboldt. Albrecht Abraham Schuch stellt ihn dar als paradoxe Gestalt, als neugierigen Sturkopf mit derart festgezimmert preußischen Weltbild, das nicht mal der Amazonas es durcheinanderbringen könnte. Auf einem trostlosen Sklavenmarkt kauft er das ganze Angebot frei, ohne sich darum zu kümmern, was aus den Verschleppten denn nun werden soll. Urplötzlich malte sich das Glück in die Sklavengesichter, lügt er in sein Tagebuch.

Dass viel bittere Kritik am deutschen Geisteswesen in der „Vermessung der Welt“ enthalten ist, hat der Roman in seiner Komik gut versteckt. Jetzt, wo der Humor derber, die Dramaturgie knalliger geworden ist, wird auch das Kritische deutlicher. Als Humboldt und Gauß sich im Alter wieder begegnen, wird im Hintergrund die studentische Vormärzjugend brutal von Soldaten verhört. Überall Gitter und blutige Nasen. Ungerührt erörtern die zwei ihre methodischen Differenzen.

Die Vermessung der Welt. Deutschland 2012. Regie: Detlev Buck, Drehbuch: Daniel Kehlmann, Kamera: Slawomir Idziak. 123 Minuten, Farbe. FSK ab 12. Ab 25.10. im Kino.