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"Die wilde Zeit": Niemals ein reifer Mann werden!

Politische Aktionen sind ein Abenteuer für Gilles (Clément Métayer) und Christine (Lola Créton).

Politische Aktionen sind ein Abenteuer für Gilles (Clément Métayer) und Christine (Lola Créton).

Foto:

NFP

Es war die Zeit, als man auch an der Tankstelle rauchte. Tankdeckel auf, Zapfpistole rein und den Sprit strömen lassen, alles mit glühender Kippe im Mund. Auch das hat Olivier Assayas nicht vergessen, man sieht es in nostalgischer Detailtreue in seinem neuen Film. Die 1970er-Jahre lassen den 1955 geborenen Assayas nicht mehr los. Nach der gefeierten Terrorismusstudie „Carlos – Der Schakal“ von 2010, dem autobiografisch getönten Film „Kaltes Wasser“ von 1994 nun „Die wilde Zeit“. Wieder handelt dieser Film von linken Jugendlichen, wieder ist er autobiografisch gefärbt, und wieder spielt er „nach dem Mai“ – so nämlich heißt er im Original: „Après Mai“, eine zeitliche Situierung, die Assayas sehr wichtig ist.

„Der Mai“ ist in Frankreich das, was wir „68“ nennen: ein historischer Moment, ein Erregungsgipfel, in dessen Abschwung die Jugendlichen dieses Films heranwachsen. Fast wie bei der deutschen Flakhelfergeneration zählt hier jedes Jahr eines Lebensalters. Jene, die 68 dreizehn Jahre alt waren, tickten auch später, in der Aufarbeitungsphase, vollkommen anders als die damals 23-Jährigen, die den Brand entfacht hatten. „Eine Nach-Mai-Jugend“ nennt Assayas deshalb sehr bewusst auch einen biografischen Essay, den das Österreichische Filmmuseum auf Englisch herausgegeben hat. Er erzählt nicht von Aufbruchgetöse und Vorwärtsstimmung, dafür viel von Melancholie und Verstörung.

Genauso macht es der Film. Aus der Perspektive des zögerlichen Schülers Gilles schildert Assayas die Freizeitgestaltung seiner Jugend: vor der knüppelnden Polizei weglaufen, Musik hören, den Wachschutz seiner Schule mit Molotowcocktails angreifen, Parolen malen, ratlos verliebt von einem ratlos verliebten Mädchen zum anderen irren, anödende Reden halten und, schlimmer noch, anödenden Reden zuhören, malen. Mit dem Vater streiten. Seine Freundin an drogensüchtige Hippies verlieren. Die andere Freundin an nervtötende Maoisten, die dumme Phrasen über den Heldenmut des laotischen Volkes dreschen.

Ratloser Kuckuck

Vom „Süßen Vogel Jugend“ keine Spur, eher vom ratlosen Kuckuck, ausgebrütet in einem Nest, in dem lauter Fremde sitzen. Der Film ist voller Zärtlichkeit für seine jungen Figuren und geprägt von der Antipathie gegen die älteren Linken, die am Esstisch die großen Sprüche klopfen und die schönen Frauen zum Einkaufen schicken. Die eigentlichen 68er gehören noch ganz zur alten Welt, gegen die sie anzukämpfen meinen, während die Jungen die verwirrende Last der Auflösung überkommener Gewissheiten zu tragen haben.

Weil es hier um historische Veränderungen von Mentalitäten und ganzen Gefühlswelten geht, stehen endlich einmal Kunst, Musik und Film im Zentrum, nicht nur der politische Diskurs über die Gewaltfrage, an dem sich der deutsche 68-er-Aufarbeitungsfilm so gern festklammert. Assayas versteht es, die Entfremdung dieser Jugend von ihrer Umwelt nachempfindbar werden zu lassen, indem er sie nach innen kehrt. Seine Jugendlichen wissen nie recht, was sie wollen. Dass die alten Sicherheiten gekappt sind, drückt sich zumal in der Liebe aus; sie berühren sich mit der Vorsicht scheuer Tiere, treiben voneinander weg und aufeinander zu, blicken sich traurig nach. Natürlich geht diese Zurückhaltung auf Kosten schauspielerischen Präsenz. Einige Kritiker haben dem jungen Schauspielpersonal vorgeworfen, nichts weiter als schön zu sein. Das trifft allenfalls auf Carole Combes zu, aber auch dann wäre das Urteil eines groben Klotzes würdig. Das gerade im- Vagen-bleiben, auf sich Bestehende verkörpern Clément Mètayer, Lola Creton und India Salvor Menuez ganz großartig.

Vage bleiben allein hilft aber nicht gegen den Sog des Konformismus. Neugierig und demonstrativ liest Gilles das unter Linken verketzerte Buch „Maos neue Kleider“ des Sinologen Simon Leys. „Ich will meine Jugend nicht verlieren“, sagt er einmal, stemmt sich gegen die neue Heimat Dogmatismus ebenso wie gegen das Herauswachsen aus dem Unfertigen, gegen jede Verfestigung des Charakters. Den in den 1970ern verbreiteten Wunsch, niemals ein reifer Mann zu werden, verkörpert Clement Metayer hervorragend, unterstützt vom Soundtrack des Films, den Musiker wie Syd Barrett, Nick Drake, Soft Machine und Kevin Ayers prägen. Was für eine Kunst für sich, hier nichts Abgenudeltes zu finden!

Die wilde Zeit (Après mai) Frankr. 2012. Drehbuch & Regie: Olivier Assayas, Kamera: Eric Gautier, Darsteller: Clément Métayer, Lola Créton, Felix Armand u. a.; 122 Minuten, Farbe. FSK ab 12.