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Berliner Zeitung | „Drachenmädchen“ im Kino: Weinen bringt nichts
28. February 2013
http://www.berliner-zeitung.de/6964756
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„Drachenmädchen“ im Kino: Weinen bringt nichts

Kein Mädchen ist wie das andere.

Kein Mädchen ist wie das andere.

Foto:

Polyband

Was ist eigentlich Kung Fu? Das Kino kennt den Begriff der „Martial Arts“, der recht genau bezeichnet, was schon in den entsprechenden Filmen mit Bruce Lee faszinierte: die für europäische Augen ganz ungewohnte Verbindung graziler Körperbeherrschung mit eiserner Härte und Disziplin. Die Mönche des berühmten Shaolin-Klosters in der zentralchinesischen Provinz Henan würden es etwas blumiger ausdrücken. Doch Inigo Westmeiers Film widmet sich der Konkurrenz von nebenan, der privaten Kung-Fu-Schule Shaolin Tagou. Für die 26.000 Schülerinnen und Schüler, die meisten noch Kinder, ist jeder Tag ein Kampf und Disziplin ihr täglich Brot. Und für einen Dokumentarfilm ist es nicht schlecht, wenn seine Protagonisten Action und Choreographie gleich selbst besorgen.

Ein Wunder von Film

Aufgereiht in unwirklichen Massenszenen stehen sie da und vollführen ihre Übungen. Zugleich sind sie Einzelkämpfer, geschult weniger im Geiste mönchischer Harmonie als dem der Konkurrenz. Wer mehr werden will als Soldatin oder Polizist, muss besser sein als die anderen. All diese Widersprüche fängt „Drachenmädchen“ ein. Doch das Wunder dieses außergewöhnlich schönen Dokumentarfilms ist etwas anderes, nämlich der Nachweis, dass sich hinter den perfekt trainierten Einzelkämpferinnen – Westmeier widmet sich ausschließlich den Mädchen – zutiefst eigenwillige Charaktere verbergen. Keine ist wie die andere, obwohl alle das gleiche tun. Und alle haben gänzlich unterschiedliche Motive, sich den Strapazen des Shaolin zu unterziehen.

„Weinen bringt nichts“, sagt ein Mädchen, das den Vater vermisst und es zu Hause doch nicht lange aushält. Manche wurden von hilflosen Eltern weggegeben, andere kamen auf eigene Faust. Den erbarmungslosen Drill jeden Tages, nur unterbrochen zur Essensaufnahme, meistert jede auf ihre Art – und keine wirkt dabei unglücklich. Wirklich traurig wirkt allein das „sehr glückliche“ Mädchen, das die Schule abbrach und nun in seinem Prinzessinnenzimmer vor der Spielkonsole hockt. Für sie wird Kung Fu nie mehr sein als „ein komisches Herumfuchteln mit Armen und Beinen.“

Nie Gesicht zeigen

Kung Fu bedeutet aber auch, nie sein Gesicht zu zeigen. Wer das tut, wird nie ein Meister, sagt einer der vielen Trainer. Leider hält sich auch der Regisseur daran und macht nicht transparent, dass sämtliche Interviews, wie beim Drehen in China üblich, von Aufpassern begleitet wurden. Es hätte dem Film nicht geschadet. Im Gegenteil bewundert man die Offenheit der jungen Mädchen dafür umso mehr.

Am Ende sieht man sich mit Fragen konfrontiert, die über China mit seinen spezifischen kulturellen Formen und Zwängen hinausreichen. Der Kinderwunsch nach Freiheit ist unüberhörbar, doch auch der nach Disziplin scheint nicht gelogen. Wiederum ohne es zu verraten, kämpft Westmeier hier auf schwer ideologischen Terrain. Seinen kleinen Kung-Fu-Meisterinnen sollte man zumindest zuhören. Man muss ja nicht gleich ins Kloster gehen.

Drachenmädchen Dtl. 2012. Regie & Kamera: Inigo Westmeier, Drehbuch: Inigo Westmeier, Benjamin Quabeck, Mitwirkende: Xin Chensi u.a.; 90 Minuten, Farbe. FSK ab 6.