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„Fear“ von Falk Richter: Pegida-Zombies greifen an

Das Stück "Fear" wird an der Berliner Schaubühne aufgeführt.

Das Stück "Fear" wird an der Berliner Schaubühne aufgeführt.

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imago/DRAMA-Berlin.de

Größtes Verständnis dafür, dass Schauspieler und Team der in der Schaubühne uraufgeführten aktuell-politischen Horror-Collage „Fear“ eigentlich überhaupt keine Lust haben, sich mit dem Thema zu befassen. „Es ist einfach so undankbar, sich mit diesem ganzen braunen Scheiß auseinanderzusetzen. Ich wollte lieber an den See fahren oder irgendwo rum liegen oder rum sitzen oder rum hängen, also irgendwas mit RUM.“ Vollste Zustimmung aber auch für das geäußerte Missbehagen mit eben dieser gutbürgerlichen Rückzugsneigung. Zumal die Ekel- und Abwehr-Impulse, denen im Laufe des so unterhaltsamen wie nervenstrapazierenden Zweistundenabends immer wieder stattgegeben wird, Figurenrede sind und selbstverständlich keine Rückschlüsse auf die eigene Haltung der Spieler zulassen. Diese haben sich immerhin mindestens sechs Probenwochen brav mit dem Thema befasst. Gutbürgerliche Abwehr- und Ekel-Reflexe gehören nun einmal dazu und lösen ihrerseits autoaggressive Angriffslust aus. Eine Angriffslust, die mit der Inbetriebnahme eines 2 300-Watt-Laubbläsers angemessenen Ausdruck findet. Alina Stiegler pustet zuerst die Bilder unliebsamer Pegida-Ideologen von der Bühne und nimmt dann das Publikum ins Visier.

Angst um die Heimat

Worum es also geht? Um Angst. Um die Angst der sogenannten besorgten Bürger, die ihre deutsche Heimat und ihre Identität durch den Zuzug Fremder und durch die Fortpflanzungsunlust der von homosexuellen Verschwörern auf sittliche Abwege gebrachten Volksgenossen bedroht sehen, dabei aber, wie sie beteuern, weder etwas gegen Ausländer noch gegen Schwule haben. Und es geht um die Angst vor den besorgten Bürgern, die – da ihre Argumente längst tot und begraben sein müssten – vermutlich selbst Tote sind, die aber da unten in Sachsen und sonst wo wie Lebende auf Pegida-Demonstrationen herumwandeln. Zombies! Untote Nazis! Argh! Schon sieht man sie auf der Leinwand leichenschleimbesudelt, augenlos und fledermausumflattert ihren Gräbern entsteigen und sich zu zwar sehr grünlichen, aber ansonsten irritierend menschenähnlichen Rechtspopulisten arrangieren. Die kennen wir doch: Die AfD-Parteivorsitzende Frauke Petry, der Hetzredner Akif Pirinçci, die Gender-Kritikerin Gabriele Kuby und dort, ist das nicht ... Beatrix Amelie Ehrengard Eilika von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg! Man möchte glatt zum Laubbläser oder gleich zur Windmaschine greifen.

Spätestens seit Falk Richters „Small Town Boy“ und der hasserfüllten Wutrede von Thomas Wodianka im Gorki-Theater vor knapp zwei Jahren wissen wir, dass der unermüdliche Gesellschaftskritiker Richter einiges an Geduld eingebüßt und das subventionierte Theater als Ort für unzimperliche Gegendemonstrationen entdeckt hat. Das meistenteils bürgerliche, aufgeklärte, politisch interessierte, abwägende, gut situierte Publikum, das sich zu Richter-Stücken einfindet, kann einerseits dem unter der eigenen Zivilisiertheit und Demokratiefreudigkeit angestauten Hass auf die minderbemittelten, fetten, hässlichen Nazi-Trottel freien Lauf lassen, sich sodann über diesen Hass erschrecken, um sich zuletzt der eigenen Rat- und Hilflosigkeit zu versichern. Das ist bei aller Unterhaltsamkeit ganz schön viel Seelenhygiene, die einem an einem Theaterabend zugemutet wird.

Gemüse gegen Vollidioten

Bei Richters „Fear“ gibt es viele krasse, fiese und lustige Nummern, super gespielte Besorgtheitstiraden, entlarvende Audio-Einspieler, trashiges Nazi-Schmonztheater, dekoriert mit ein paar Prügel-, Stürz- und Rüttel-Choreografien und aufgeschäumt mit lauter Musik. In der letzten halben Stunde aber holen die Spieler Kisten mit selbst angebautem Gemüse hervor und verwandeln den Seminarraum in einen urbanen Garten, singen, lächeln einander an und können sich für die letzten Horror-Nummern nicht mehr so recht aufraffen: „Es ist wirklich eine Tragödie, dass so viele paranoide, dumme Menschen sich heute politisch äußern und dass fast nur noch Vollidioten auf die Straße gehen, um gegen ihre eigenen abwegigen Wahnvorstellungen zu demonstrieren.“ Da könne man nur hoffen, dass das bald vorbeigehe und sich nicht davon abhalten lassen, das eigene, möglichst richtige Leben zu führen. Oder im Theater unter sich bleiben. Großer Applaus. Erleichtert zustimmend? Dankbar für den Spiegelblickschreck? Vielleicht können sich einige Zuschauer auch wegen des geweckten Muts und der wiedergefundenen Angriffslust kaum halten. Gut wär’s.