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Berliner Zeitung | "Geburt der Gegenwart": Wenn der Mond den Friseurtermin bestimmt
20. August 2014
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"Geburt der Gegenwart": Wenn der Mond den Friseurtermin bestimmt

Die Zeit übernimmt das Regime mit der Verbreitung der Kalender in der Welt des 17. Jahrhunderts.

Die Zeit übernimmt das Regime mit der Verbreitung der Kalender in der Welt des 17. Jahrhunderts.

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Getty Images/iStockphoto

Ohne Kalender würde die Zivilisation zusammenbrechen. Keiner wüsste, ob er sich zur rechten Zeit am rechten Platz befindet, was zu bedenken, zu beachten und zu tun ist. Wir würden uns schlicht daneben benehmen: Weil wir den wichtigen Geschäftstermin verpassen, das Abendessen mit guten Freunden oder den Geburtstag der Schwiegermutter. Kalender machen unseren Alltag. Wie aber konnte es so weit kommen? Wie hat sich unsere Zeit in eine Kalenderzeit verwandelt? Wann wurden Kalender zu „den unhinterfragbaren Ausstattungsgegenständen erwachsener Menschen“?

Der Düsseldorfer Historiker Achim Landwehr geht diesen Fragen bis in jene Epoche nach, als die Kalender die Welt eroberten. Die Vorgeschichte unserer zeitlichen Verstrickung in Termine und Daten ist dabei nur ein Beispiel für jene „Geburt der Gegenwart“, von der er anschaulich, anekdotenreich und klug erzählt: In der Frühen Neuzeit büßte die Vergangenheit in bestimmten Bereichen ihre Autorität ein, während die Zukunft noch nicht als Objekt menschlicher Verfügung wirkte. In einer Art Zwischenphase dehnte sich die Gegenwart als „Möglichkeitsraum“ aus und bahnte damit jenes Zeitregime an, dem wir heute unterstehen.

Verplante Zeit

Für die Kalendarisierung der Zeit ist dabei nicht allein bemerkenswert, dass Gesellschaften ohne Kalender auskamen, sondern auch, was in den frühen Exemplaren fehlte: der leere Platz. Kalender dienten bis weit ins 17. Jahrhundert nicht als Planungshilfe für freie Momente, sondern informierten über eine bereits verplante Zeit. Sie waren vollgestopft mit Wettervorhersagen, Heilpraktiken, Bauernregeln, Hinweisen auf den Stand von Planeten und Sternen oder die besten Saat- und Erntezeiten – und zwar für das gesamte Jahr im Voraus. Diese Kalender koordinierten Menschen dadurch, dass alle gleichzeitig das Gleiche zu tun hatten. Sie dienten also nicht dazu, Menschen, die in der Regel Unterschiedliches zur gleichen Zeit machten, aufeinander abzustimmen.

Allmählich aber zeigten sich Leerstellen auf den Seiten: Man gewährte den Benutzern – zunächst den Obrigkeiten und Kaufleuten – Platz für Notizen von eigener Hand. Die Gegenwart verwandelte sich von einer bereits vorbestimmten Größe in einen „Dispositionszeitraum“, von einem „gegebenen Sinnsystem“ in eine „sinnentleerte“ und damit „verfügbare Ressource“.

Fest gefügte Endzeitlichkeit geriet außer Mode. Nach Berechnungen aufgrund biblischer Fristen betrug die Gesamtdauer der Schöpfung rund 6000 Jahre, wovon nach Christi Geburt höchstens noch 2000 Jahre übrig blieben. Das wirkte – auch aufgrund neuer geologischer Erkenntnisse und Quellen aus der Geschichtsschreibung ferner Länder – gegen Ende des 17. Jahrhunderts nicht mehr ganz so überzeugend. Zudem verstrich ein Termin für das Weltende nach dem anderen. Ungewollt trugen gerade die Apokalyptiker dazu bei, dass sich die Erwartungshorizonte so erweiterten wie der leere Raum in den Kalendern, den die Benutzer gestalten sollten.

Die Kalender forderten an der Wende zur Aufklärung dazu auf, die eigene Zukunft nicht mit der göttlichen Prädestination, sondern mit Terminplänen anderer Menschen abzustimmen. Manch einer wusste mit dem freien Platz zunächst scheinbar gar nichts anzufangen. Die Seiten blieben weiß. Nur allmählich verstand jedermann, welche Gestaltungsfreiheit und welche Entscheidungsspielräume ihm die Kalender anboten. Freilich dürfte es kaum ein schöneres Beispiel für die Dialektik der Aufklärung geben. Denn indem Kalender ihre Benutzer zu Herren über die Zeit erklärten, ergriff zugleich der Kalender tyrannisch Besitz vom Leben der Menschen und lieferte sie dem Diktat des Terminplans aus. Gerade die Aufklärung verschuldete die zeitliche Unmündigkeit des Menschen.

Macht über die Zeitordnung bedeutet dabei stets Macht über den Menschen und die Gesellschaft. Kalender verbreiteten sich seit Mitte des 16. Jahrhunderts massenhaft als erste Textgattung überhaupt. Sie taugten dazu, bestimmte politische Vorstellungen breit zu propagieren. Daher richteten die Obrigkeiten der Frühen Neuzeit Kalendermonopole ein und kümmerten sich um Kalenderreformen nicht weniger intensiv als die Revolutionäre folgender Epochen. Auch wegen der Macht der Kalender wird es in Landwehrs ebenso unterhaltsamen wie informativen Geschichten über konfessionelle Lebensordnungen, über Zeitungen, Mode, Uhren oder Versicherungen immer dort besonders interessant, wo er seine Leitidee von der „Vielzeitigkeit“ zur Geltung bringt.

Monopolisierte Zeit

Tatsächlich organisieren sich Gesellschaften bis heute nie nach nur einer Zeitvorstellung: Unsere Kinderzeit folgt anderen Rhythmen als unserer Studienzeit, unsere Familienzeit taktet das Leben anders als die Paarzeit, die Freizeit anders als die Arbeitszeit. „Kulturen leisten sich immer eine recht breite Palette an Zukünften.“ Aus diesem Grund kehrt etwa auch die Frühe Neuzeit immer wieder einmal zurück und sucht die Moderne heim: Zu den aktuellen Rennern auf dem Kalendermarkt zählen sogenannte „Mondkalender“.

Millionenfach verkaufen sich Terminplaner, die – wie im 16. oder 17. Jahrhundert – darüber informieren, wann der Mond am besten steht, um den Garten zu pflegen, eine Diät zu beginnen oder finanzielle Entscheidungen zu treffen. Man mag das abstrus finden, und es kann überhaupt sehr anstrengend sein, unterschiedliche Zeitlichkeiten zu koordinieren. Aber wir sollten die „Vielzeitigkeit“ schützen, denn sie bewahrt uns vor der Diktatur eines „Zeitmonopols“.