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Geschichte: Der Oskar Schindler von Rom

Die beiläufigste Grenze Europas trennt den Vatikanstaat von Italien.

Die beiläufigste Grenze Europas trennt den Vatikanstaat von Italien.

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dpa

Köln -

Die beiläufigste Grenze Europas ist nur eine Markierung im römischen Pflaster. Die Touristen bemerken sie nicht, wenn sie zum Petersdom oder in die Vatikanischen Museen unterwegs sind, und auch die Geistlichen in ihren schwarzen Gewändern schlendern, ins Gespräch oder ins Gebet vertieft, achtlos über sie hinweg. Dabei trennt die schmale Quader-Reihe zwei souveräne Staaten. Diesseits in der Republik Italien zu stehen oder mit nur einem Schritt den „Status Civitatis Vaticanae“, den Vatikanstaat, zu erreichen – das machte in den 1940er Jahren den Unterschied von Gefahr und Sicherheit aus, von Gefangenschaft und Freiheit, Leben und Tod.

Darum trägt das Buch über den irischen Priester Hugh O’Flaherty (1898–1963) zu Recht den Titel „Über die weiße Linie“ (DuMont). Die Publizisten Arne Molfenter und Rüdiger Strempel schildern den wagemutigen, listenreichen Einsatz des Monsignore im Dienste des Papstes für Gegner des Naziregimes, für Juden und alliierte Kriegsgefangene. Das Autoren-Duo zeichnet das Bild eines Gottesmanns, dem im Einsatz für die Menschen kein Risiko zu groß und kein Preis zu hoch war. O'Flaherty ist sozusagen der gute Mensch vom Vatikan.

Konsequent nutzte er die Spielräume, die ihm seine Stellung als Priester und der institutionelle Rahmen der Institution Kirche boten. Wenn ihn seine Biografen plakativ den „Oskar Schindler Roms“ nennen, deuten sie zudem an, dass O’Flaherty auf eigene Rechnung handelte – teils zwar mit stillschweigender Billigung der Vatikan-Hierarchie, teils aber auch gegen den erklärten Willen von Papst Pius XII. Dieser untersagte O'Flaherty im Mai 1944 alle Aktivitäten zum Schutz von Flüchtlingen. Mit einer Bewertung des Papstes in der weltpolitischen Großwetterlage hält das Buch sich zurück. Es verweist auf den offenen Disput der Historiker, ob Pius mit seinem Schweigen zum Holocaust moralisch versagt oder sich in tragischer Lage angemessen verhalten habe, um Schlimmeres zu verhüten. Im Fall des umtriebigen O'Flaherty allerdings, so vermuten Molfenter und Strempel, habe Pius „unermessliche diplomatische Schwierigkeiten“ für den Vatikan befürchtet, falls die Deutschen des Widerstandspriesters habhaft geworden wären.

Solche Überlegungen zeigen, welche herausragende Rolle O'Flaherty im römischen Widerstand gegen die Nazis spielte. Er wurde für den Chef der deutschen Sicherheitspolizei und des SS-Geheimdienstes SD in Rom, den gefürchteten Obersturmbannführer Herbert Kappler, zum meistgesuchten Gegenspieler. Der Karriere-Nazi verbiss sich regelrecht in das Ziel, den Iren zu schnappen, der ihm in allerhand Verkleidungen – einmal in Nonnentracht – ein ums andere Mal entkam. Sogar vor einer versuchten Entführung aus dem Petersdom durch deutsche Geheimdienstler schreckte Kappler nicht zurück. Doch O'Flaherty entging auch diesem Komplott, das höchstwahrscheinlich mit seiner Ermordung geendet hätte.

Von 1943 an hatte der Geistliche, der nach Tätigkeiten als Vatikan-Diplomat seit 1938 im „Heiligen Offizium“ – der heutigen Glaubenskongregation – arbeitete, einen konspirativen Zirkel aufgebaut, um Flüchtlinge zu verstecken. Hintergrund war das Ende des Mussolini-Regimes und die Kriegserklärung Italiens an das Deutsche Reich im Oktober 1943. Dadurch kamen etwa 50000 alliierte Kriegsgefangene aus italienischen Lagern frei, wurden dafür aber jetzt von den Deutschen verfolgt. Viele von ihnen flohen in Richtung Rom und hofften auf Kirchenasyl im Vatikan. Gleiches galt für Juden und andere Nazi-Gegner.

Für sie alle war O'Flaherty da. „God has no country“, Gott kennt keine Nation, lautete sein Credo. Von seiner Wohnung ausgerechnet im deutschen Priesterseminar, dem Collegio Teutonico auf dem Gelände des Vatikans, aus kümmerte sich O'Flaherty um Tausende Flüchtlinge gleichzeitig, organisierte allein in Rom 200 Verstecke, besorgte Geld für Lebensmittel und Kleidung. Anfang 1944 gab er mit Unterstützung von Diplomaten und Gönnern aus dem römischen Hochadel umgerechnet knapp eine halbe Million Euro pro Monat aus. Zu seinen vielen Helfern zählte auch die später weltberühmte Schauspielerin Gina Lollobrigida. Mehr als 6000 Menschen verdanken O'Flaherty ihr Leben und ihre Freiheit.

Literarisches Denkmal für den Priester

In der Nachkriegszeit blieb O'Flaherty zunächst eine bekannte, hoch geehrte, aber auch umstrittene Persönlichkeit. Hollywood-Star Gregory Peck spielte ihn 1983 in dem britisch-amerikanischen Biopic „Im Wendekreis des Kreuzes“. Doch nach und nach geriet O'Flaherty in Vergessenheit. Seine Heimatstadt Killarney errichtete ihm erst 2013, aus Anlass des 50. Todestags, ein Standbild.

Literarisch setzen ihm nun Molfenter und Strempel ein Denkmal. Sie stützen sich dabei auf Aufzeichnungen Beteiligter und umfangreiches Archivmaterial. Ihr besonderes Verdienst ist die Öffnung des Blicks über die unmittelbaren Aktivitäten von O'Flahertys „Römischer Fluchtlinie“ – so ein zeitgenössischer Name – hinaus auf den historischen Kontext. Die Autoren entgehen so der Gefahr, es bei einer gekonnt montierten, mit Rückblenden, Szenenwechseln und Zeitschnitten arbeitenden Geschichte um einen Robin Hood in Soutane zu belassen. Vielmehr arbeiten sie die moralischen Optionen heraus, die O'Flaherty und die Seinen in ihrem konkreten Handeln ebenso hatten wie ihre Widersacher auf deutscher Seite. Kleinere Ungenauigkeiten – so wird aus dem spanischen Borgia-Papst Alexander VI. ein Familienmitglied der römischen Doria Pamphili – sind in einer zweiten Auflage leicht zu tilgen.

Nach dem Krieg blieb O'Flaherty bei seiner Maxime unterschiedsloser Hilfe jenseits ideologischer und nationaler Grenzen. Jetzt kümmerte er sich um italienische Faschisten, die – wie es im Buch heißt – „von Jägern zu Gejagten“ geworden waren. „In jedem Menschen ist ein Funken Gottes“, sagte er zur Begründung. Aufsehen erregten regelmäßige Gefängnisbesuche beim einstigen Erzfeind Kappler. 1959 spendete er dem – seiner Meinung nach – geläuterten „Henker von Rom“ sogar die Taufe. In Art eines Epilogs verfolgen Molfenter und Strempel den „Fall Kappler“ mit dessen Flucht aus italienischer Haft im Jahr 1977 als ein exemplarisches Stück deutsch-italienischer Vergangenheitsbewältigung.