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„Jackie – Wer braucht schon eine Mutter“: Weibliche Welten

Zwillingstöchter beim erfrischenden Bier.

Zwillingstöchter beim erfrischenden Bier.

Männer, genauer gesagt heterosexuelle Männer, genießen kein hohes Ansehen in Antoinette Beumers Roadmovie „Jackie – Wer braucht schon eine Mutter“. Schlimmstenfalls sind sie alkoholisierte Vergewaltiger, mindestens aber das Selbstwertgefühl zersetzende Ehemänner. Bestenfalls tauchen sie als schweigsame Gitarrenspieler (Howe Gelb) auf. Die Sympathie der Regisseurin genießt indes das spießige, schwule niederländische Väterpaar der adoptierten zweieiigen Zwillingsmädchen Sofie und Daan, deren US-amerikanische Leihmutter nach 33 Jahren plötzlich auf den Plan tritt. Und dieser Frau gilt die Bewunderung der Filmemacherin, was nachvollziehbar ist: Schließlich wird die schräge Hippieexistenz von Holly Hunter gespielt.

Auf diese nicht eben als bürgerliches Ideal zu beschreibende Frau treffen die ungleichen Zwillingsschwestern, die eine ganz Karrierefrau, die andere dezentrierte Kindergärtnerin mit unklarem Kinderwunsch, nachdem ein Krankenhaus irgendwo in New Mexico angerufen hat. Die Mutter müsste nach einem Unfall in eine weit entfernte Reha-Klinik verlegt werden und habe weder Geld noch Angehörige. Also fliegen die beiden Töchter mit sehr unterschiedlichen Erwartungen von Amsterdam in die USA – und der Schock des ersten Aufeinandertreffens könnte nicht größer sein. Die ungläubigen Mädchen werden Zeuginnen, wie eine zersauste Furie mit Gipsbein sowie Krücken auf einen helfenden Pfleger eindrischt. Mehr grunzend als redend macht Jackie den Töchtern dann schnell klar, dass sie trotz ihrer momentanen Einschränkung keineswegs eine bedürftige Person ist – vielmehr bestimmt sie den weiteren Verlauf des Geschehens. So treten die drei Frauen die Reise zur Reha-Klinik in dem ranzigen Zuhause von Jackie an, einem uralten und unzuverlässigen Campingbus. Es wird eine Reise durch die menschenleere Wüste New Mexicos, in deren Verlauf die zweifelsfrei unkonventionelle mütterliche Zuwendung die erwachsenen Töchter sehr viel über sich selbst lernen lässt – mitunter auf im Wortsinn schmerzhafte Weise.

„Jackie“ ist vor allem ein heiterer Film, der auch vor deftigen Metaphern nicht zurückschreckt. Man sieht etwa der kleinen, zierlichen Holly Hunter immer wieder gern zu beim souveränen Umgang mit großkalibrigen Waffen. Der Humor des Films ist so handfest wie die Dykes on Bikes, die einmal als rettende Engel in der Wüste auftauchen. Gelegentlich hätte man sich ein bisschen weniger Feelgood-Movie und ein bisschen weniger harmonische Konfliktlösung vorstellen können. Und die deutsche Synchronisation der holländischen Stimmen ist leider grauenhaft; das Englischsprachige von Holly Hunter wurde gottlob im Original belassen. Als flott wegerzählte Versuchsanordnung recht unterschiedlicher weiblicher Lebensentwürfe ist „Jackie“ aber von ausgesprochen unterhaltsamer Leichtigkeit.

Jackie – Wer braucht schon eine Mutter Jackie NL/USA 2012. Regie: Antoinette Beumer, Drehbuch: Marnie Blok & Karen van Holst Pellekaan, Kamera: Danny Elsen, Darsteller: Holly Hunter, Carice und Jelka van Houten u. a.; 98 Minuten, Farbe. FSK ab 12.