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„La Cage aux Folles“ in der Bar jeder Vernunft: Musical mit Sex und Witz und Tempo

Les Cagelles, die Travestie-Tänzer aus dem Club, bezaubern mit Kostümen, Choreografie und Körperbau.

Les Cagelles, die Travestie-Tänzer aus dem Club, bezaubern mit Kostümen, Choreografie und Körperbau.

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GERHAEUSER

Es geht doch eigentlich nur um eines: Springt der Funke oder springt er nicht? Dicht an dicht hockt das Premierenpublikum in der Bar jeder Vernunft. Deren Chef Holger Klotzbach hat gerade erklärt, dass es heute nicht nötig sei, höflich untätig dazusitzen. Es gehöre sich vielmehr, zu klatschen, trampeln und zu jubeln. Solch eine Aufforderung macht misstrauisch. Und als dann Georges durch das mit goldenen Männertorsi geschmückte Portal des Nachtclubs La Cage aux Folles tritt, scheint die Skepsis bestätigt: Der alte Herr passt zwar mit seinem Glitzer-Anzug ins Ambiente, aber Peter Rührings Sprechstimme nuschelt, die Singstimme wirkt dünn. Doch das ist bald vergessen. Er steht ja nicht alleine auf der Bühne. Die Cagelles – gut gebaute Männer mit Federpuscheln in den Händen, Strass im Gesicht und nur sehr wenig Textil oder Kunstleder am Körper – verbreiten rhythmisch und tänzerisch eine verführerische Clubatmosphäre. So nimmt eine glanzvolle Premiere ihren Lauf.

Das Musical „La Cage aux Folles – Ein Käfig voller Narren“ hat mit seiner deutschen Erstaufführung dem Theater des Westens 1985 und in den Folgejahren einen furiosen Erfolg beschieden. Helmut Baumann und Jürg Burth, Hauptdarsteller und Regisseur von damals, saßen wie als Mahnung am Rande des zum goldenen Käfig gestalteten Innenraums der Bar jeder Vernunft. Sie werden ihr Stück kaum wiedererkannt haben. Denn es ist ein wesentlicher Unterschied, ob man von der Bühne herab einen riesigen Saal unterhalten muss oder ob man dem Publikum so nahe kommt, dass man es anfassen kann. Das Brusthaar der Tänzer ist genauso zu sehen wie die Falten der Schauspieler.

Und ein vernuschelter Satz fällt eben auf. Doch Peter Rühring findet sich bald besser in seine Rolle hinein, wirkt lässiger im Zusammenspiel mit Hannes Fischer. Der stellt Georges’ Lebensgefährten Albin dar, der im Nachtclub als Drag-Queen Zaza auftritt. Fischer, beleibt und faltig, verführt mit einer sagenhaften Bühnenpräsenz. Er singt zwar leise und manchmal brüchig, doch das entspricht ja seiner Rolle: Er trägt als Albin im Bademantel geknickt das Altersklage-Lied „Mascara“ vor und richtet sich zu Größe und Stimmvolumen auf, je mehr er sich mit Fummel und Frisur seiner Zaza nähert. Fischer singt auch den Schlager des Abends: „Ich bin, was ich bin“. Das Publikum jubelt ohne Aufforderung, und wer weiß, wer da keine Gänsehaut spürte.

Denn das Stück – so neckisch die Tänzer auch durch die Reihen fegen, so unschuldig die Liebe von Georges’ Sohn zu einem Mädchen wirken mag – hat nach wie vor Brisanz. Der Junge (Ergebnis eines frühen Fehltritts von Georges) will leider die Tochter eines konservativen Politikers heiraten, der Clubs wie das La Cage als Schandflecken ansieht, der Tunten wie Schwule für pervers hält. In Berlin kann man darüber lachen, in anderen Gegenden verleugnen Menschen bis heute ihre Natur, in manchen Ländern wird Homosexualität mit dem Tod geahndet.

Das Musical zieht seine Spannung, diese Inszenierung viel Witz aus der Begegnung der Schwiegereltern in spe. Die Wohnung von Georges und Albin muss „normal“ hergerichtet werden. Der Butler, der lieber Zofe sein will (hinreißend: Fausto Israel), hat das Essen verdorben. Man zieht in ein Restaurant, dafür schwebt ein Tisch von der Decke des Zelts, landet auf der Drehbühne in der Mitte, und das Gespräch schlingert um das heikle Thema Homosexualität.

Nein, das ist nicht St. Tropez, wie es im Stücktext heißt. Wir sind mitten in Berlin angekommen, im Hier und Heute. Die Bar jeder Vernunft, dieses nicht subventionierte Theaterchen, setzt mit diesem Stück ein Signal aus Leidenschaft und Mut.

La Cage aux Folles, bis 31.5., Tel: 8831582