Kultur
Feuilleton-Debatten, Interviews und Kritiken zu Medien, Literatur, Kunst, Theater, Musik und Film

„Le sacre du printemps“: Rattle und der böse Rausch

Von 
Strawinskys Komposition «Le Sacre du Printemps» schockt am 29. Mai 1913 das Publikum in Paris.
Strawinskys Komposition «Le Sacre du Printemps» schockt am 29. Mai 1913 das Publikum in Paris.
Foto: dpa

Vor 100 Jahren wurde Strawinskys „Le sacre du printemps“ uraufgeführt.

Der Skandal bei der Uraufführung war groß – der Erfolg danach jedoch umso größer. Unter den Werken, die unter Aufruhr und Tumult einst das in die Welt setzten, was man heute „Neue Musik“ nennt, ist Igor Strawinskys heute vor 100 Jahren in Paris uraufgeführtes Ballett „Le sacre du printemps“ der größte Knaller. In Wien gab es Saalschlachten um die Werke Alban Bergs und Anton Weberns, deren verhuschten, dissonanten und oft absurd kurzen Stücken man arglos „lallende Ohnmacht und ungewöhnliche Unfähigkeit“ nachsagen konnte. In Paris hatte Igor Strawinsky sich mit dem „Feuervogel“ und „Petruschka“ beliebt gemacht, Balletten, die von Debussy und Satie ausgingen, aber deren Verfeinerung mit etwas versetzten, was man als russische Wildheit goutierte.

Totentanz des jungen Mädchens

Auch der „Sacre“ ist eine unendlich raffinierte Partitur – doch Strawinsky versteckte dieses Raffinement unter einer Brutalität, die nicht mehr unter „Exotismus“ abzuheften war. Ausgangspunkt war „die Vision einer großen heidnischen Feier: Alte weise Männer sitzen im Kreis und schauen dem Todestanz eines jungen Mädchens zu, das geopfert werden soll, um den Gott des Frühlings milde zu stimmen“.

Die Beziehungen des Stoffs und von Strawinskys Musik zu Strömungen der Bildenden Kunst von Gauguin über den Primitivismus bis zum Kubismus sind oft beschrieben worden. Dass „alte Männer“ zuschauen, wie sich die Jugend zu Tode „tanzt“, mag man zur Vorahnung des Ersten Weltkriegs stilisieren, wie überhaupt die Gleichzeitigkeit einer hochentwickelten und innovativen Kompositionstechnik zur Erzielung archaischer Wirkungen Parallelen zu den waffentechnischen Neuerungen – Panzer, Bomber, Jagdflugzeuge, U-Boote – dieses ersten Industriekriegs aufweist.

Ähnliche Ahnungsqualitäten sagt man auch Mahlers Sechster Symphonie oder den Drei Orchesterstücken von Alban Berg nach. Einzigartig und irritierend bei Strawinsky ist indes der vollkommene Ausfall an Empathie. Ohne Mitleid wird das junge Frühlingsopfer am Ende durch die permanent wechselnden 3/16-, 2/16-, 2/8- und 5/16-Takte gejagt. Es erhält keine Stimme, bestenfalls hören wir es japsen. Handelte „Petruschka“ direkt von Puppen, so fallen im „Sacre“ die Menschen auf den Status von Puppen, von entseelten Körpern zurück. „Es gibt im Sacre keine Seelenforschung“, sagte Strawinsky.

Moderner als alle andere Musik

Diese erschreckende Coolness bringt zugleich eine ungeheuerliche Akkuratesse musikalischer Organisation hervor. Hierin ist der „Sacre“, trotz der heterogenen Mischung aus simplen Volksmelodien, abenteuerlich dissonanten Akkorden und rhythmischen Reihen moderner als alle andere Musik seiner Zeit, auch wenn deren Konzept so integral ist wie das der Zwölftontechnik. Der Ton ungerührter Präzision in der Moderne bei Boulez und anderen geht auf Strawinsky zurück. Daher kann man nun auch den „Sacre“ als Orchesterstück wahrnehmen, als bösen, harten, mitreißenden Rausch rhythmischer Bewegung.

Pünktlich zum Jubiläum hat Simon Rattle das Stück mit den Berliner Philharmonikern aufgenommen (EMI). Wenn ein Stück als Signatur der Ära Rattle gelten kann, dann der „Sacre“, der zur Grundlage des ersten Education-Projekts wurde, dargestellt in dem Film „Rhythm is it!“ Für Rattles Generation ist Strawinskys bedeutendstes Werk ein Virtuosenstück, und als solches erscheint es hier auch: Sehr transparent, fast spielerisch in der eleganten Wiedergabe der vertrackten Rhythmik. Die perkussiven Härten der Partitur sind klanglich vermittelt zu großen Bögen. Strawinsky mochte derlei schon bei Rattles Vorvorgänger Herbert von Karajan nicht sonderlich. Aber wenn die Schwierigkeiten dieses Werks absorbiert wurden, ändert es seine Physiognomie. Bei Rattle ahnt man ganz von fern, dass man dem Stück doch noch eine Art menschlichen Ausdruck ablauschen könnte.

Neu im Kino
Kinoprogramm
Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute: Alle Kinos:
Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Neueste Bildergalerien Kultur & Medien
Linke Spalte Medien
Literatur
Arno Widmann.

Vom Nachttisch geräumt. Jeden Monat neu von Arno Widmann.

Weblogs
Die Blogs der Berliner Zeitung.

Anekdoten aus Berlin, Pop-Expertisen und Beziehungsfragen.

Sonderbeilagen & Prospekte
Anzeige